Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 1999 an Fritz Stern

Ansprachen aus Anlass der Verleihung

Die Reden, die aus Anlass der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an Fritz Stern in der Paulskirche zu Frankfurt am Main gehalten wurden, wurden zuerst im »Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel«, Frankfurt am Main und Leipzig, vom 19. Oktober 1999 (Heft 83) veröffentlicht. Der Text folgt dem gesprochenen Wort.

Urkunde

Den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels
verleiht der Börsenverein 1999
Fritz Stern
Er ehrt damit den Historiker, der seit langem
die schwierige Geschichte Deutschlands,
seines Geburtslandes, aus dem er vertrieben wurde,
erforscht, erklärt und darlegt.
Er hat dem Frieden gedient, indem er Brücken
des Verständnisses zwischen den Zeiten und den Völkern errichtete, und hat die stets umstrittene
historische Präsenz der Juden in der deutschen Politik
und Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft
in seinem Lebenswerk ausgewogen dargestellt.
Zu Fragen der deutschen Gegenwart
hat er immer wegweisend Stellung genommen.
Börsenverein des Deutschen Buchhandels
Vorsteher
Roland Ulmer

Frankfurt am Main
in der Paulskirche am 17. Oktober 1999

 

Begrüßungen

Begrüssung

Roland Ulmer
Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels wird heute zum 50. Mal vergeben. Ich freue mich besonders, dass der Jubiläumspreis mit Ihnen, verehrter Professor Fritz Stern, zum Ende dieses Jahrhunderts einen Historiker auszeichnet, der in den Vereinigten Staaten und in Europa gleichermaßen bekannt und geschätzt ist. Sie haben mit Ihrem Lebenswerk gezeigt, dass ein Historiker wissenschaftliche Forschung mit hoher Erzählkunst und politischem Engagement verbinden kann.

Ihre große Rede zum 17. Juni, die Sie 1987 vor dem Deutschen Bundestag gehalten haben, ist für viele noch in guter Erinnerung. Sie haben damals gesagt: »Die Vergangenheit verblasst, aber sie vergeht nicht und soll auch nicht vergehen.«

Die Geschichte des Friedenspreises begann in Hamburg: Hans Schwarz, ein heute kaum mehr bekannter Schriftsteller, suchte nach einer Möglichkeit, Menschen zu ehren, die in den frühen Nachkriegsjahren aus dem Ausland den Deutschen die Hand zu ernst gemeinter Versöhnung gereicht haben.

Das erste Mal wurde der Preis im kleineren Kreis Hamburger Persönlichkeiten, vor allem Buchhändler und Verleger, an Max Tau vergeben, der in den 30er Jahren als Lektor bei Bruno Cassirer in Berlin tätig war und anschließend nach Norwegen und später nach Schweden emigrieren musste.

Schon im folgenden Jahr hatte der Hamburger Freundeskreis entschieden, die Verleihung mit der neu gegründeten Frankfurter Buchmesse zu verbinden und in der Paulskirche vorzunehmen, die damals zugleich Heimstatt der ersten Buchmesse nach dem Krieg war. Es wäre vermessen, aus der langen Reihe großartiger Preisträger einzelne Namen auswählen zu wollen.

Lassen Sie mich aber feststellen, dass der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels in diesen 50 Jahren einen festen Platz im kulturellen Leben Deutschlands gefunden hat. Immer wieder und gerade auch in den letzten Jahren hat er bedeutende Diskussionen ausgelöst, die zur Klärung des Selbstverständnisses der Deutschen beigetragen haben.

Die Teilung Deutschlands hatte über Generationen verhindert, dass ein nationaler Mittelpunkt entstand, der die Einheit hätte repräsentieren können. Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und sein Bekenntnis zum Frieden schufen einmal im Jahr einen solchen Mittelpunkt.

Gerade weil der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels kein Staatspreis ist, gerade weil er dem Zugriff der Parteipolitik völlig entzogen ist, gerade deshalb konnte dieser vom Berufsstand der Buchhändler und Verleger entwickelte Preis Glaubwürdigkeit und Ausstrahlung nicht nur bei Intellektuellen, sondern auch bei weiten Kreisen der Bevölkerung und über Deutschland hinaus entwickeln.

Oft wird der Börsenverein gefragt, wer über die Auswahl der Preisträger entscheidet und was die Voraussetzungen für den Preis sind. Die Entscheidung trifft der Stiftungsrat als Jury. Er sammelt und sichtet die Vorschläge, die uns aus allen Teilen der Bevölkerung zugehen. Für diese Unterstützung möchte ich heute in aller Öffentlichkeit herzlichen Dank sagen. Dem Stiftungsrat gehören je fünf Persönlichkeiten des geistigen Lebens Deutschlands und Vertreter des Buchhandels an.

Ich darf die Gelegenheit benutzen, allen Jurymitgliedern für ihre Arbeit zu danken, insbesondere heute den Herren Prof. Eberhard Jäckel, Prof. Wolfgang Frühwald und Prof. Hans Maier, die statutengemäß leider aus dem Stiftungsrat ausscheiden. Auch den beiden anderen Jurymitgliedern, die nicht dem Buchhandel angehören, Prof. Theodor Berchem und Erich Loest – sie verbleiben im Stiftungsrat – möchte ich meinen herzlichen Dank sagen.

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ist ein politischer Preis und auch, aber eben nicht nur, ein Kultur- und Literaturpreis. Im Statut heißt es: »Die Stiftung dient dem Frieden, der Menschlichkeit und der Verständigung der Völker. Dies geschieht durch die Verleihung des Friedenspreises an eine Persönlichkeit, die in hervorragendem Maße vornehmlich durch ihre Tätigkeit auf den Gebieten der Literatur, Wissenschaft und Kunst zur Verwirklichung des Friedensgedankens beigetragen hat. Der Preisträger wird ohne Unterschied der Nation, der Rasse und des Bekenntnisses gewählt.«

In diesem Jahr sind wir glücklich, einen Mann auszeichnen zu können, der gleich zwei dieser Voraussetzungen erfüllt. Sie, verehrter Professor Fritz Stern, sind ein hervorragender Wissenschaftler und ein fesselnder Erzähler. Ihr Werk umfasst neben zwei großen Büchern zahllose Essays und bedeutende Vorträge.

Ihr Thema ist die deutsche Geschichte und die Geschichte der Juden in Deutschland. Sie nähern sich Ihrem Thema in der Regel über die Biografien bedeutender Persönlichkeiten. Sie zeigen auf, wie es zu dem verhängnisvollen »deutschen Sonderweg« gekommen ist. Dieser verbindet industriellen Fortschritt und Autoritätsgläubigkeit, wissenschaftliche Spitzenleistungen und feudale politische Strukturen des zweiten Kaiserreichs. Er hat letztlich vernichtet, was Gelehrte und Dichter, Kaufleute und Arbeiter an zivilisatorischen Leistungen im 19. Jahrhundert erarbeitet haben.

Ein bewegendes Beispiel für Ihr Werk ist das Buch »Gold und Eisen«, Ihr Opus magnum, in dem Sie eine politische Doppelbiografie von Otto von Bismarck und dessen jüdischem Bankier Gerson Bleichröder zeichnen.

Sie haben, wie Sie eingangs selbst schildern, in geduldigem über 15-jährigem Quellenstudium die Einzelheiten und – politischen und finanziellen – Fakten der Zusammenarbeit zusammengetragen. Es ist ein immenses Material entstanden über die wirtschaftlichen Aspekte der Bismarckschen Politik, über die diplomatischen Hilfen, die der Bankier mit den ausgedehnten internationalen Verbindungen dem Reichskanzler leisten konnte, und vor allem über die persönlichen Dienste bei der Verwaltung und Mehrung des Bismarckschen Vermögens und seiner Güter.

In die Darstellung der historischen Ereignisse und ihrer wirtschaftlichen Begleitumstände haben Sie Szenen eingeflochten, die intensiv und bewegend sind. So hat es im Herbst 1878 im Zusammenhang mit der so genannten rumänischen Krise für kurze Zeit so ausgesehen, als könnten die europäischen Mächte den Rumänen die volle Gleichberechtigung der jüdischen Mitbürger auferlegen und sich auch selber dazu bekennen, dass diese Gleichberechtigung in allen Staaten den jüdischen Mitbürgern garantiert wird. Das Fenster stand für kurze Zeit weit offen für eine historische Wende, die den Juden und uns allen viel Leid erspart hätte. Schließlich kam das Abkommen nicht zustande. Der Bankier Gerson Bleichröder hat dadurch eine politische Niederlage erlebt. Er hatte ja sein ganzes Können eingesetzt, um die Situation der Juden in Deutschland und Europa zu verbessern und ihre Rechte zu sichern.

Sein Erfolg, seine Bedeutung und sein Reichtum waren einzigartig – so einzigartig wie seine Geduld, seine Zähigkeit und seine Weisheit. Und so einzigartig war auch sein gesellschaftlicher Aufstieg in den preußischen Adel. Jeder Leser Theodor Fontanes weiß, was diese Auszeichnung im damaligen Preußen bedeutet hat.

Wer in diesen Wochen das Werk »Gold und Eisen« liest – oder wieder liest –, wird, ja muss an einen Mann denken, der im gleichen Sinne in einer anderen Zeit gelebt und gewirkt hat: Ignatz Bubis, dem wir Deutsche und auch wir Buchhändler und Verleger in besonderer Weise verpflichtet sind.

Verehrter Professor Fritz Stern, Sie haben das Thema Juden und Deutschland nach vielen Seiten hin untersucht, erläutert und verständlich gemacht. Man kann in Ihren Texten etwas von einer versöhnlichen Abendstimmung spüren, die nach den Stürmen des Tages zur Ruhe findet und den kommenden Tag vorbereitet.

Ihre Weisheit und Ihr Charisma, Ihre Kunst der Darstellung und Ihre Integrität haben eine Atmosphäre geschaffen, die den Nachkommen der Opfer und den Nachkommen der Täter die Erinnerung an eine Zeit vermittelt, in der ein deutsch-jüdischer Patriotismus denkbar war. Dafür wollen wir Sie ehren.

 

Begrüssung

Petra Roth
Oberbürgermeisterin der Stadt Frankfurt am Main

Mit Fritz Stern erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 1999 ein großer Historiker, einer der besten Kenner Deutschlands – der Vergangenheit wie der Gegenwart. Wenn wir die Bücher Fritz Sterns lesen, erfahren wir viel über die Geschichte Deutschlands in den beiden letzten Jahrhunderten, und wir glauben, die deutsche Gegenwart, uns selbst als europäische Bürgerinnen und Bürger besser als zuvor zu verstehen.

Fritz Stern, der als Zwölfjähriger Deutschland verließ, lehrt seit Jahrzehnten Europäische Geschichte an der Columbia Universität in New York. Sie haben einmal bemerkt: »Ich komme aus einem Deutschland, das nicht mehr existiert und nie wieder existieren wird.« Losgelassen hat Sie, Fritz Stern, dieses Deutschland, Deutschland überhaupt nie.

Zukunft braucht Herkunft, heißt es.

Fritz Stern bringt uns die Geschichte Deutschlands in ihrer Widersprüchlichkeit, in ihrer Komplexität und Wechselhaftigkeit mit unnachahmlicher Eleganz und erzählerischer Verve nahe. Der Historiker fesselt uns als Erzähler. In einem berühmten Fragebogen haben Sie, verehrter Fritz Stern, als Ihre Lieblingsbeschäftigung bezeichnet »Wandern mit Einfällen«. Nach Ihrem vor Esprit, Ideen und Phantasie sprühenden Werk müssen Sie ziemlich oft unterwegs sein. Die Nutznießer sind wir, alle Ihre Leser. In Ihren Büchern lernen wir die Höhen und Tiefen der Geschichte dieses Landes, seine Schrecken, Niedergänge, Wiederaufstiege, verpassten Chancen und erkannten Möglichkeiten in ergreifenden Darstellungen kennen.

Fritz Stern erlaubt uns, seinen Lesern, seinen Standpunkt, seine Perspektive wahrzunehmen, um sich dann ein eigenes Urteil bilden zu können. Die Doppelbiografie Bismarcks und seines Bankiers Bleichröder zeichnet nicht nur faszinierende Porträts dieser beiden sehr unterschiedlichen Männer und deren Lebensgeschichte. Sie zeigt zugleich die Wechselbeziehungen zwischen der alten Ständegesellschaft und der sich entwickelnden Industriegesellschaft. Doch dieser Historiker widmet sich der Gegenwart und Zukunft; dabei scheut er auch nicht vor politischen Bewertungen zurück.

Schon bald nach 1989 haben Sie mit dem geschulten Unterscheidungsvermögen des Historikers und politischem Scharfsinn dem Prozess der deutschen Wiedervereinigung sich zugewandt. Ihre Kommentare haben manche Ängste vor einem neuen deutschen Nationalismus zerstreuen können. Sie haben Gewicht; denn Fritz Stern ist mit der bundesrepublikanischen Zeitgeschichte vertraut. Wiederholt hat er die gewachsene Verantwortung unseres vereinigten Landes betont, aber auch davor gewarnt, sich durch verständliche Ängste, angesichts der Vergangenheit, die Hoffnung auf die Zukunft zu verbauen. Dieses Zutrauen zur Bundesrepublik Deutschland veranlasst uns alle zur Zuversicht.

Eine zweite Anerkennung der Bundesrepublik nennen Sie die Wiedervereinigung, und Sie schreiben: »Die Wiedervereinigung stand nicht im Zeichen eines deutschen Nationalismus; es gab keinen nationalen Triumphalismus. Die alte Bundesrepublik hat etwas geleistet, was in den vorhergehenden Jahrzehnten nicht erreicht wurde – die Überwindung der alten Zerrissenheit. Sie lebt mit verfassungsmäßigen Institutionen, die allgemein anerkannt werden, von denen man erwarten kann, dass sie auf friedlichem Wege die unvermeidlichen Konflikte austragen können. Diese Konflikte innerhalb Deutschlands werden nicht mehr aufgebauscht durch weltanschauliche Prinzipien, durch Freund-Feind-Denken.«

Meines Erachtens kennzeichnen diese Worte einen Fortschritt in unserer Geschichte, der deutlicher gewürdigt werden müsste. Etwas mehr Dankbarkeit und Freude wären trotz der uns allen bekannten Schwierigkeiten angemessen. Bewährte demokratische Institutionen kommen 16 Millionen Menschen zugute, die davon mehr als eine Generation nicht zu träumen wagten. Die Wiedervereinigung und die Tatsache, dass am Ende des Jahrtausends ein vereinigtes Europa keine utopische Vision mehr ist, sondern Wirklichkeit wird, das sollte uns dankbar und optimistisch stimmen, insbesondere, wenn wir uns dabei auf einen Gelehrten berufen können, der seinen Lesern stets Wege von der Geschichte in die Gegenwart und in die Zukunft weist.

Ich freue mich, lieber Fritz Stern, über die Entscheidung, gerade Sie am Ende dieses Jahrhunderts, am Ende dieses Jahrtausends mit diesem Preis auszuzeichnen. Ich gratuliere von ganzem Herzen.

 

Laudatio

Bronislaw Geremek
Außenminister der Republik Polen

Es ist mir eine besondere Ehre, heute aus Anlass der Verleihung eines der großartigsten deutschen und europäischen Preise an den hervorragenden Historiker Fritz Stern vor diesem Publikum sprechen zu dürfen. Ich halte es für bedeutungsvoll und symbolträchtig, dass gerade jetzt, wo die Magie der runden Jahreszahlen uns zur Reflexion über das nächste Jahrhundert und Jahrtausend verleitet, ein Historiker mit diesem Preis ausgezeichnet wurde. Paul Valéry sagte einst, die Geschichte sei eines der gefährlichsten Gifte, die die Chemie des Intellekts erzeugt habe. Diese bitteren Worte sind am Ende des 20. Jahrhunderts von einer gewichtigen Aussagekraft. Der große Historikerstreit in Deutschland und anderswo scheint sie zu bestätigen. Mancherorts erliegt manch einer der Versuchung, sich von der Geschichte abzuwenden, keine Verantwortung für die Vergangenheit zu übernehmen, will sich mit der Suche, um das Geschehene zu verstehen, den Kopf nicht zerbrechen. In meinen Augen ist diese Versuchung beunruhigend, denn ein wahrhaft zukunftsweisendes Denken darf sich nicht auf Gedächtnisschwund stützen. Die Zuerkennung des Frankfurter Friedenspreises einem Historiker lässt vermuten, dass die Bedeutung, die die Erfahrungen aus der Geschichte und die aus ihnen folgenden Lehren für die Zukunftsvision haben, erkannt worden ist.

Solch eine geschichtliche Lektion in mikrohistorischer Skala, in microhistory, die in der Domäne der Klio eine Modeerscheinung ist und auf Grund eines Ereignisses, einer Einzeltatsache oder einer individuellen Biografie die Geschichte des Menschengeschlechts zu erkennen sucht, erteilt uns das Schicksal von Fritz Stern.

Als er 1996 in München im Rahmen des Zyklus »Reden über das eigene Land« sprach, begann er mit der Frage »Von welchem Land soll ich reden? Von dem, das mich verstoßen hat, einem verlassenen Land, dem ich entfliehen konnte, oder dem Land, das mich gütigst aufgenommen hat?«. Bei seiner Selbstbestimmung bezieht sich Fritz Stern auf Deutschland und Amerika.

Deutschland ist das Land seiner Kindheit. Er wurde in Breslau in einer jüdischen Familie, die seit zwei Generationen assimiliert war, geboren. 1938, im Alter von zwölf Jahren, verlässt Fritz Stern mit seinen Eltern Deutschland und gelangt in die USA. Er bewundert die Dichtung Heinrich Heines und spricht kein Wort Englisch. Wie seine Urgroßväter, Großväter und sein Vater sollte er Arzt werden, »aber erlebte Geschichte, der Bann der Zeit« lenkten ihn in eine andere Richtung. Er wurde zum Historiker der Selbstzerstörung Deutschlands, deren Ursprung er in den Jahren, die dem Ersten Weltkrieg vorangingen, erblickte. Vielleicht tat er dies, weil der Historiker zugleich in der Gegenwart und in der Vergangenheit zu leben versteht. Amerika wurde zu seinem Land, aber nicht nur, weil er ihm Dank schuldete, sondern auch aus Liebe zur Freiheit. In Amerika begriff er die historische und kulturelle Einheit Europas und versuchte die Anatomie des Niedergangs Deutschlands zu ergründen. Das Schicksal des alten Europas betrachtete er aus dem Blickwinkel der Geschicke seiner eigenen Familie und der Erzählungen seines Vaters. Später erforschte Fritz Stern die Jahre 1914 bis 1945 und erfand für sie die berühmte, heute bereits klassische Formel des »zweiten 30-jährigen Krieges«.

Als Zögling der Columbia University blieb er mit erstaunlicher Konsequenz dieser hervorragenden New Yorker Universität treu. Nach Beendigung des Columbia Colleges im Jahre 1946 erhielt er zwei Jahre später das Diplom der Columbia University. 1953 promovierte er an derselben Hochschule, seither ist er als Hochschullehrer sein ganzes Leben lang mit dieser Universität verbunden. Fritz Stern ist Verfasser von Dutzenden von Büchern und mehreren hundert Artikeln, in denen er sich hauptsächlich mit der Geschichte Deutschlands im 19. und 20. Jahrhundert und auch der Zeitgeschichte befasst. Er ist ein hervorragender Historiker, der sich in vortrefflicher Weise einer modernen Forschungsmethodologie bedient, dabei aber nicht vergisst, dass ein Historiker außer den Zeitläuften auch das menschliche Schicksal, die Geschichte der Ideen und ihren Einfluss auf die Massenbewegungen untersuchen muss. Zudem ist Stern ein vortrefflicher Schriftsteller. Marion Gräfin Dönhoff charakterisierte Stern auf folgende Weise: »Was Fritz Stern schreibt, ist immer faszinierend, und zwar aus zwei Gründen. Erstens, weil er nicht nur den Gegenstand oder die Person, von denen das Werk handelt, schildert, sondern auch die Ideengeschichte der Zeit, die Gesellschaft mit ihren Gewohnheiten, Moden und Vorurteilen, ihren literarischen und kulturellen Interessen und Leistungen. Und zweitens, weil er ein großer Schriftsteller ist. Wäre er nicht ein bedeutender Historiker, man würde ihn als Stilist und Erzähler preisen, und zwar, was selten genug ist, in deutscher und englischer Sprache gleichermaßen.«

Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit auf drei Themenbereiche im Werk von Fritz Stern lenken: auf das Verhältnis zwischen Staatsmacht und Geld beim Aufbau des deutschen Kaiserreichs, auf die Erfahrungen des Dritten Reichs und des Holocausts sowie die Stellung Deutschlands im sich vereinigenden Europa. Das ist sicherlich nur ein kurzer und recht bescheidener Verweis auf die wahrhaft beeindruckende Liste der wissenschaftlichen Arbeiten von Fritz Stern, was sich jedoch damit rechtfertigen lässt, dass es einfach die persönlichen Gedanken eines Lesers sind, der der Faszination an diesem Werk erlegen ist und sich dessen gewahr wird.

Mit dem ersteren dieser Probleme befasst sich das Buch, das ich für eines der hervorragendsten Werke der modernen Geschichtsschreibung erachte: »Gold and Iron. Bismarck, Bleichröder and the Building of the German Empire«, das 1977 in Englisch, ein Jahr später in Deutsch (»Gold und Eisen. Bismarck und sein Bankier Bleichröder«) und danach in anderen Sprachen veröffentlicht wurde. Alles begann mit einem Abenteuer – eine Sammlung von Briefen des jüdischen Bankiers gelangte nach New York. Dann fand man die Briefe des Bankiers an Bismarck und an das Pariser Bankhaus Rothschild. Die Dokumentation war sensationell. Von den mehr als 7000 Arbeiten über Bismarck hatte sich bisher keine einzige mit Bismarcks Bankier befasst, er galt für die deutsche Geschichtsschreibung als Unperson. Das hing in einem hohen Maße mit einem spezifischen Tabu zusammen, welches die Historiker schweigen ließ. Gerson Bleichröder machte eine außergewöhnliche Karriere. Er folgte den Spuren seines Vaters, der bereits vor 1830 einer der Vertreter des Bankhauses der Rothschilds in Berlin war, später selbständig wurde, weiterhin jedoch ständige Verbindungen zu der berühmten Bankiersfamilie unterhielt. Als Bismarck 1858 als Botschafter Preußens nach Sankt Petersburg entsandt wurde, empfahlen ihm die Rothschilds die Finanzdienstleistungen eines jungen Berliner Bankiers namens Gerson Bleichröder. Auf diese Weise begann die ungewöhnliche Beziehung zwischen dem künftigen Kanzler und dem Bankier, der »deutscher Rothschild« genannt wurde. Sie sollte über drei Jahrzehnte währen.

Zuerst zum Geheimrat ernannt, wurde Bleichröder 1872 ein Adelstitel verliehen. Der Bankier wurde auf diese Weise zu einer Symbolfigur der Plutokratie und zum Angriffsziel der seit den 70er Jahren zunehmenden Welle des deutschen Antisemitismus. Fritz Sterns Buch, ein Ergebnis 15-jähriger Forschungen, malt ein vorzügliches Fresko des politischen und wirtschaftlichen Lebens Deutschlands in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Es zeigt die Verbindung zwischen Geld und Staatsmacht, zugleich aber auch zwischen dem Antikapitalismus und Antisemitismus im geistigen Klima Deutschlands jener Zeit auf. Das Buch liefert ein Vorbild der Wahrheitssuche, die Wahrheit gilt als oberstes Gut, was nicht nur für die Arbeit eines Historikers zutrifft, sondern auch eine Voraussetzung für die moderne Kultur des öffentlichen Lebens darstellt. Fritz Stern zögert nicht, die Wahrheit über die Deutschen und die Juden zu sagen, und zwar solche Wahrheiten, die auch heute für Deutsche, aber auch für Juden schmerzlich sein können.

Die Schilderung der letzten Lebensjahre Bleichröders ergibt ein meisterhaftes, außergewöhnliches Fresko. Als seine Finanzkraft und seine politische Bedeutung ihren Höhepunkt erreichten und das ganze Kabinett die prachtvollen Empfänge des Bankiers besuchte, war Bleichröder gleichzeitig ständig antisemitischen Kampagnen ausgesetzt. Hinzu kam die düstere Erpressungsgeschichte von Seiten einer Dorothee Croner, die drohte, die gemeinsame Affäre ans Licht zu bringen. Lange Jahre lang setzte Bleichröder sein Geld und seine einflussreichen Beziehungen, auch zu der Berliner Polizei, ein, um den drohenden Skandal abzuwenden. Schließlich gelangte die Affäre doch an die Öffentlichkeit. In der sozialistischen Tageszeitung »Vorwärts« war damals eine scharfe Verurteilung der Korruption der kapitalistischen Gesellschaft zu lesen. »Vorwärts« schrieb 1891, dass die Liebesabenteuer von Baron von Bleichröder, des Führers des Börsenstammes, der um das Goldene Kalb tanze, niemanden etwas angingen, wohl aber die Korruption des Machtapparates durch einen Vertreter des Kapitals, unabhängig davon, ob dieser beschnitten oder getauft sei. Zwei Jahre später fand auf dem jüdischen Friedhof an der Schönhauser Allee, allerdings unter Polizeischutz, das prunkvolle Begräbnis Bleichröders statt, zu dem die gesamte damalige politische Elite antrat.

Nach dem Tode des alten Bankiers fielen sowohl das Bankhaus als auch die Familie dem Verfall anheim. Weder Glaubenswechsel noch Reichtum vermochten die Familie vor nationalsozialistischer Verfolgung zu schützen. Im Archiv des deutschen Innenministeriums fand Stern ein Schreiben vom 7. Januar 1942, in dem der Enkel Gersons, Curt von Bleichröder, um die Befreiung von der Pflicht, den Davidsstern zu tragen, und um Anerkennung als Arier ersuchte. Er berief sich dabei auf seine Verdienste an der Front während des Ersten Weltkrieges. Das Schreiben beendete er mit »Heil Hitler«. Ich vermute, dass dies zu schildern für Fritz Stern schmerzlich war.

Nazi-Deutschland als Erfahrung bildet den Hauptinteressengegenstand Fritz Sterns, selbst dann, wenn die Arbeiten eine andere Problematik zum Inhalt zu haben scheinen. Das 1961 veröffentlichte Buch über den Kulturpessimismus (»The Politics of Cultural Despair«, in deutscher Sprache unter dem Titel »Kulturpessimismus als politische Gefahr« erschienen) veranschaulicht vortrefflich die Rolle, welche die Kritik der Modernität und die Sehnsucht nach der wahren Religion und Gemeinschaft des frühen Deutschlands als psychologische Wegbereiter des Nationalsozialismus gespielt haben. Der Antisemitismus und der imperiale Ehrgeiz verbanden sich mit einem Lob des Idealismus und schufen den Boden für Hitlers Nihilismus. In dem Buch von François Furet über die Geschichte der kommunistischen Idee finden wir eine ähnliche Interpretation der Quellen der zweiten totalitären Ideologie des 20. Jahrhunderts vor. Furet weist auf die »antibourgeoise Leidenschaft« zur Zeit der Jahrhundertwende und den Zusammenbruch des Glaubens an die Zukunft im psychologischen Klima Europas während des Ersten Weltkrieges und deren Bedeutung für den Erfolg des Bolschewismus hin. Die Lehre Fritz Sterns, dass totalitäre Systeme weder ein unverhofftes Ereignis noch eine zeitweilige Störung der Logik der europäischen Geschichte darstellen, ist von einer besonderen Tragweite und bewahrt in den zeitgenössischen Erwägungen ihr intellektuelles Gewicht.

Der Geschichte Deutschlands im 19. und 20. Jahrhundert widmete Fritz Stern Dutzende von Arbeiten. Manche von ihnen sind in den Sammelbänden »The Failure of Illiberalism« (1972, in deutscher Sprache 1974 unter dem Titel »Das Scheitern illiberaler Politik. Studien zur politischen Kultur Deutschlands im 19. und 20. Jahrhundert«) sowie »Dreams and Delusions« (1987, ein Jahr später in deutscher Sprache unter dem Titel »Der Traum vom Frieden und die Versuchung der Macht. Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert«) erschienen. Ein besonderes Charakteristikum dieser Arbeiten besteht darin, dass der Autor die Forschungsergebnisse häufig in Form von literarischen Essays darstellt und dabei das Persönliche nicht meidet. Mit Erinnerungen aus dem eigenen Leben geht Stern zurückhaltend um, doch manchmal verweist er auf Familienarchive (Briefe der Kollegen des Vaters, der Chemiker Richard Willstatter und Fritz Haber). Von Zeit zu Zeit, so in der Biografie von Reuter, erinnert der Historiker an die Breslauer Sozialdemokraten, ein andermal an die protestantischen Lehren der Breslauer Prediger.

Der amerikanische Historiker bewahrt indessen die Erinnerung an seine eigene Abstammung, die Erinnerung an das emanzipierte jüdische Milieu von Breslau, wo er seine Kindheit verbrachte. Das Schicksal Deutschlands untersucht Fritz Stern nicht mit der »atlantischen« Distanz eines außenstehenden Beobachters oder objektiven Richters. Über die Verantwortung Deutschlands für das Drama des 20. Jahrhunderts schreibt Stern wie ein Deutscher, über die Einzigartigkeit des Holocausts aus der Sicht der Opfer, über die Illusionen der deutschen Juden, die sich mit aller Kraft mit der nationalen Machtstellung Deutschlands identifizierten, als einer von ihnen, über die europäische Politik und die Stellung Deutschlands in Europa als Europäer. Stern ist ein Historiker, der auf eine besondere Weise teilnimmt. Er möchte verstehen, nicht aber rechtfertigen.

In dem vortrefflichen Essay »Der Nationalsozialismus als Versuchung« zitiert Fritz Stern die Worte Ralf Dahrendorfs, dass man schwerlich moralische Urteile aussprechen könne, wenn man nicht selbst der Versuchung ausgesetzt gewesen sei. Stern schreibt über sich selbst: »Dazu eine persönliche Bemerkung: Mir ist die Versuchung erspart geblieben – nicht aus Verdienst meinerseits, sondern weil ich vollblütiger Nichtarier bin, dem die Versuchung verboten war.« Es trat bei manchen die Versuchung auf, rücksichtslos und leichtfertig über andere ein Urteil zu fällen – über jene, denen die Versuchung des Nationalsozialismus nicht erspart geblieben war und die ihr erlagen. Stern widerstand der Versuchung, sich mit einer Richterrobe zu schmücken, und bemüht sich, zu begreifen, was mit den Eliten, was mit dem deutschen Protestantismus geschah. Er möchte verstehen, wie die deutsche Armee dem Traum von der deutschen Hegemonie und der Tilgung der Schmach von Fontainebleau und Versailles erlag. Fritz Stern erinnert an jene, die sich vom Nationalsozialismus nicht verführen ließen, sich ihm nicht demütig unterwarfen und sogar verstanden, sich ihm zu widersetzen. Manchmal kam es zu einem Widerstand von Menschen, die, da in der Endphase der Weimarer Republik eine allgemeine psychologische Krise herrschte, zeitweilig der neuen Ideologie und ihrem charismatischen Führer erlegen waren. Die Hochachtung gegenüber den Verschwörern des 20. Juli und all denjenigen – wie wenige es auch gewesen sein mochten –, die sich dem Nationalsozialismus widersetzten, geht bei Stern mit einer besonderen Rührung einher. Die Analyse der wirtschaftlichen Prozesse, das Gefühl des Endes einer bestimmten Epoche und die Staatskrise entlassen die Menschen in keiner Weise aus der Verantwortung. Die Weimarer Republik übernahm ja die Verantwortung für alle Vergehen des Ersten Weltkrieges, der Nationalsozialismus setzte dagegen den Krieg und die Kriegspsychose mit anderen Mitteln fort. Hätte es aber einen deutschen de Gaulle gegeben, könnte die Geschichte einen ganz anderen Lauf genommen haben.

In seinen Arbeiten über Deutschland zur Zeit Hitlers tritt Stern nicht als außenstehender Beobachter auf, doch finden wir in der Haltung des Historikers weder das Gefühl persönlich erlittenen Unrechts noch die Suche nach Schuldigen. Stern ist überzeugt, dass das Dritte Reich das wichtigste kollektive Erlebnis seiner Generation darstelle, und dies vielleicht deswegen, weil es jegliche Grenzen der Vorstellungskraft überschritten habe. Goethe berief sich anlässlich des Erdbebens in Lissabon im Jahre 1755 auf den »Dämon des Schreckens«. Fritz Stern folgte den Spuren Goethes und meinte: »Ich habe den Dämon des deutschen Schreckens miterlebt.«

Fritz Stern zeigt das Schicksal Deutschlands in jener dramatischen Epoche auch in den biografischen Skizzen über die großen deutschen Emigranten Thomas Mann, Ernst Reuter, Albert Einstein und Fritz Haber. Reuter, der nach dem Krieg als Oberbürgermeister von Berlin in der Zeit der »Luftbrücke« berühmt wurde, stellt Stern vor allem als Sozialisten dar, der die demokratischen Werte gegen den Konservatismus seiner heimatlichen Junkerkreise verteidigte und gegen die Macht- und Führerideologie und vielleicht sogar wider die sozialistische Ideologie des Klassenkampfes auftrat. Fritz Stern interpretiert den Genius Einsteins als ein Produkt der deutschen Kultur und analysiert dessen Traum vom Frieden und Widerstand gegen den deutschen Militarismus. Ende 1914 traten Einstein und Reuter gemeinsam für einen Frieden ohne Eroberungen ein. Auch zu Zeiten der Weimarer Republik blieb Einstein dem Pazifismus treu. Erst die späteren Jahre machten seine Träume zunichte. Fritz Haber, ein deutscher Jude, der im Alter von 24 Jahren zum Protestantismus übertrat, stellte sein wissenschaftliches Genie während des Ersten Weltkrieges in den Dienst Deutschlands und organisierte die deutsche Kriegsindustrie. Im Jahre 1918 erhielt er den Nobelpreis in Chemie. Nach Hitlers Machtübernahme verließ Haber sofort sein Berliner Institut und wählte das Schicksal eines Emigranten. In den Schicksalen von Mann, Einstein, Reuter und Haber ist ein Riss zwischen dem Traum vom Frieden und der Versuchung der Vorherrschaft zu erkennen. Fritz Stern betrachtet diesen Riss als ein bezeichnendes Merkmal der deutschen Mentalität und neuzeitlichen Kultur.

In den letzten Monaten erschien eine neue Sammlung von Fritz Sterns Essays unter dem Titel »Einstein’s German World«. Es gibt darunter ausgezeichnete biografische Skizzen über Paul Ehrlich, den Begründer der Chemotherapie, Max Planck, Walther Rathenau sowie über die Freundschaft zwischen Fritz Haber und Albert Einstein. Außer diesen Skizzen, die das Leben in Deutschland vor dem Großen Krieg schildern, enthält der Band auch Arbeiten über das heutige Deutschland sowie über Historiker als Zeugen und Teilnehmer am öffentlichen Leben. Der Erinnerung an ein Gespräch mit Raymond Aron in Westberlin im Jahre 1979 entnimmt Stern einen Gedanken, der für den ganzen Band eine Art verbindendes Element darstellt. Aron sagte ihm damals: »It could have been Germany’s Century.« Dies lässt Stern zu dem Schluss kommen, dass so, wie die Jahre 1770 – 1830 die Geniezeit genannt wurden, das Deutschland Einsteins, die Blütezeit der Naturwissenschaften, als die zweite Geniezeit bezeichnet werden könne. Es war die Zeit großer Versprechungen und Hoffnungen, in der Christen und Juden gemeinsam die deutsche Wissenschaft und Kultur schufen. Die Vernichtung dieser Hoffnungen war eine Folge des Unvermögens der deutschen Eliten und ein Ergebnis der Passivität der »anständigen Bürger«. Dies betrachtet Stern als die deutsche Lektion des 20. Jahrhunderts.

Die dritte Thematik, der sich Fritz Stern in seinem Werk annimmt, bildet die Frage der heutigen Gestalt Deutschlands, somit der Wiedervereinigung Deutschlands, der besonderen Beziehungen Deutschlands zu den USA und schließlich der Rolle Deutschlands im sich integrierenden Europa. 1987, zwei Jahre nach der denkwürdigen Rede von Richard von Weizsäcker über die Haltung der Deutschen zur Nazi-Vergangenheit, fiel Fritz Stern die besondere Ehre zu, am 17. Juni im Bundestag eine Rede zu halten. Den Jahrestag des Berliner Aufstands nutzte Stern, um an die Aufbrüche zur Freiheit in der Geschichte des deutschen Volkes zu erinnern. Er sprach über das Schicksal Ferdinand Freiligraths, eines Dichters, Kämpfers und Emigranten, der am 17. Juni 1810 geboren wurde. Stern erinnerte an die große Persönlichkeit Dietrich Bonhoeffers und huldigte jene, die für die Achtung der Menschenrechte kämpfen. Der Historiker warnte auch vor der Versuchung, die deutsche Vergangenheit zu vergessen oder sie fälschlicherweise zu relativieren. Die Zukunft Deutschlands erblickte er im Einklang mit den Werten einer freien und pluralistischen Gesellschaft, in dessen Verbundenheit mit dem Westen. Diesen ergreifenden Text veröffentlichte Adam Michnik 1988 in polnischer Sprache in der damaligen Untergrundzeitschrift »Krytyka«.

Die Wiedervereinigung Deutschlands begrüßte Fritz Stern als Verwirklichung eines Traums, der kaum erfüllbar schien. Der Historiker betrachtete sie als einen Bestandteil des neuen Europas. In seinem denkwürdigen Artikel über Europa als gemeinsames Haus, der 1989 in »New York Review of Books« erschien, stellte er eine Vision der Stellung Deutschlands im sich integrierenden Europa vor. Er schrieb auch über die Hoffnungen, die das in Freiheit wieder geborene Polen nach Europa trage, und über die Notwendigkeit, auf diese historische Herausforderung eine europäische Antwort zu erteilen.

Der polnisch-deutschen Versöhnung misst Stern besondere Bedeutung zu. Er meint, die Versöhnung müsse zur Grundlage der Freundschaft zwischen beiden Völkern werden. Der Flüchtling aus Breslau erinnert: »Es war kein polnischer Wunsch, Lemberg zu räumen, um ein zerstörtes Breslau aufzubauen.« Im letzten Band veröffentlicht Stern eine ergreifende Skizze über die polnisch-deutschen Beziehungen. Er prophezeit ihnen eine gute, auf gegenseitiges Verständnis und Vertrauen der beiden Völker gestützte Zukunft. Stern meint, Deutschland solle Polen in Europa unterstützen – dies würde beweisen, dass Hitler und Stalin eine endgültige Niederlage erlitten haben.

Die Gedankenwelt Fritz Sterns lernte ich bei der Lektüre seiner Arbeiten, aber auch vielerorts während persönlicher Gespräche kennen – in Warschauer Cafés, unter dem wachsamen Auge von Agenten, die dem Besucher aus den USA als zufällige Passanten erscheinen mochten, in seiner New Yorker Wohnung in der Nähe der Columbia University, bei Treffen in Castel Gandolfo ... Ich lernte ihn nicht nur als einen Historiker von großer Gelehrsamkeit, sondern auch als einen weisen, großartigen Menschen schätzen.

Innerlich bewegt las ich das sehr persönliche Bekenntnis von Fritz Stern: »Ich hatte das unverdiente Glück des Überlebens; dies bedingt auch Schuldgefühle und Verpflichtungen.« Diese Worte verstehe ich nur zu gut. Vielleicht ist Stern eben deshalb Historiker geworden. Marc Bloch, die emblematische Figur der französischen und der europäischen Historiografie, meinte einst, die Geschichte könne mit einem Messer verglichen werden: Mit einem Messer könne man Brot schneiden, mit einem Messer aber könne man auch töten. Fritz Stern schneidet Brot. Er sucht nach der Wahrheit, kündet ihren Ruhm und weist dabei auf die Notwendigkeit der Erinnerung hin. Die Geschichte ist in Fritz Sterns Augen ein Instrument, das die Menschen lehren soll, einander zu verstehen, obwohl er weiß, dass Geschichte auch Hass gebären kann.

Erlauben Sie mir daher, meiner Überzeugung Ausdruck zu verleihen, dass dieser bedeutende Friedenspreis einem wahrhaft hervorragenden Historiker zuerkannt worden ist.

Dank

Fritz Stern

Zuerst meinen Dank an den Börsenverein des Deutschen Buchhandels für diese Ehre. Es ist eine beklemmend großartige Reihe, in die Sie mich aufnehmen: bewundernswerte Schriftsteller, die hier vor Ihnen standen. Heute verleihen Sie den Preis – ich glaube zum ersten Mal – einem Historiker, einem Erben einer alten Kunst und einem Schüler einer relativ neuen, sich stets ändernden Wissenschaft. Wir Historiker sind aufeinander angewiesen, lernen voneinander, und daher – und auch als eine Art Selbstbefreiung – möchte ich Ihren Preis umdeuten als eine Anerkennung der Historie überhaupt, unseres Bestrebens, der Gegenwart die Vergangenheit darzustellen. Der Ansporn kommt zur richtigen Zeit, und wir wiederum sind allen Kollegen des Buchhandels dankbar, denn ohne ihr Bemühen hätten wir gar keine Leser. Das gedruckte Buch wird auch in der elektronischen Zukunft den Menschen ein unentbehrlicher Wert bleiben.

Ich bin dem Außenminister der Republik Polen dankbarer, als ich es je ausdrücken könnte. Lieber Bronik Geremek, Sie sind eine beglückende Ausnahme unter uns Historikern. Nicht nur weil Sie der erste große Historiker seit Alexis de Tocqueville sind, dem das Amt eines Außenministers anvertraut worden ist; Tocqueville wurde französischer Außenminister genau vor 150 Jahren und bedauerte das Scheitern liberaler Hoffnungen auf deutsche Einheit. Sie, Herr Außenminister, und die Menschen in Ihrem Land haben das befreiende Jahr 1989 mitbestimmt, das den friedlichen Zerfall des kommunistischen Imperiums bewirkte und die deutsche Wiedervereinigung ermöglichte. Sie haben Ihr Geschichtswissen in politische Tat umgesetzt: Sie haben das Leben der Ausgeschlossenen des französischen Mittelalters erforscht, und Sie haben Ihrer ausgeschlossenen Nation den Weg in die Freiheit mit ermöglicht, und zwar mit Hinnahme eigener Verfolgung. Die Vision Europa hat Solidarno´s´c ermutigt, und das jetzige Europa verdankt Solidarno´s´c die Möglichkeit seiner Vereinigung. Unser gemeinsamer Auftritt hier ist aber auch Zeugnis für das neue Deutschland, ein Land, in dem so viele Bürger sich der Vergangenheit bewusst sind und sich um Versöhnung bemühen.

Ich dachte, meine Bewunderung für die polnische Nation sei eigene Errungenschaft, aber inzwischen weiß ich, dass mein Urgroßvater väterlicherseits, ein bekannter Arzt in Breslau, jetzt Wroclaw, im Jahre 1849 für seinen prodemokratischen Einsatz und seine polnischen Sympathien für ein Jahr ins Gefängnis kam. Diese Ehre ist mir erspart geblieben, aber ich empfinde den heutigen Tag als eine feierliche Bestätigung seiner Überzeugungen. Ich freue mich über die wiederaufgenommene Familientradition.

Diese Feier ist die letzte in diesem Jahrhundert und die erste in der neuen Berliner Republik. Unvermeidlich stoßen wir auf Vergangenheit und Gegenwart: Sie sind untrennbar. Es gibt kein Ende der Geschichte, auch keinen Schlussstrich, keinen völlig neuen Anfang. Trotzdem begrüße ich die neu proklamierte Berliner Republik mit großem Vertrauen und mit kleinem Unbehagen. Die ersten 50 Jahre der Bundesrepublik rechtfertigen das Vertrauen. Das Unbehagen entspringt der Benennung: Warum müssen deutsche Demokratien durch Städte begrenzt oder identifiziert werden: Weimar, Bonn, Berlin. Damit wird die unerwünschte Diskontinuität nur unterstrichen. Warum nicht endlich eine deutsche Demokratie, wie so manche sie sich hier in der Paulskirche gewünscht und für die so viele später gekämpft haben? In seiner bewegenden Rede am 17. Juni 1988 hat der damalige Bundesverfassungsgerichtspräsident Roman Herzog den Wunsch nach »leisen Tönen« geäußert, leisen Tönen für die deutsche Frage. Berlin ist für vieles bekannt, doch nicht gerade für leise Töne.

Als mir Herr Ulmer am 19. April die mich völlig verblüffende Nachricht übermittelte, dass ich den Friedenspreis erhalten sollte, standen wir am Anfang eines Krieges, der nicht aus nationalem Egoismus oder aus wirtschaftlichen Interessen entsprang, sondern aus dem Entschluss einer demokratischen Allianz, eine brutale Unmenschlichkeit nicht länger zu dulden. Die militärische Verteidigung der Menschenrechte ist etwas Erstmaliges, aber in einer Zeit des neu aufsteigenden Nationalismus – der den Kommunismus sozusagen beerbt hat als vorherrschende Ideologie – stehen uns ähnliche Fälle bevor. Diese Entscheidungen können nicht ad hoc erledigt werden; als Mindestvoraussetzung brauchen wir ein klares Konzept für das Zusammenwirken der westlichen Demokratien. Die Verantwortung sollte nicht allein bei der einen globalen Macht liegen.

Der ewige Friede bleibt unerreichbare Utopie; Immanuel Kant erkannte die Notwendigkeit von internationalen Institutionen, die »der Bösartigkeit der menschlichen Natur« Einhalt bieten könnten. Unsere internationalen Institutionen sind noch zu schwach für solche Aufgaben. Aber der Friede fängt im Inneren an, auch mit dem Einzelnen. Das Gebot »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst« setzt eine Selbstliebe voraus, die in ihrer Existenz oder Berechtigung nicht unbedingt vorausgesetzt werden kann. Friede verlangt nach einem Minimum von innerem Zusammenhalt: Im Leben Europas und der Vereinigten Staaten haben innere Spannungen oft zu äußeren Auseinandersetzungen geführt; in einem Land der Unzufriedenheit oder einem Land, das sich in einem latenten Bürgerkrieg zu befinden glaubt, mag eine Verlagerung des Konflikts, eine Flucht nach vorn eine gewisse Versuchung darstellen.

Der Erste Weltkrieg – die Urkatastrophe in diesem Jahrhundert – entstand zum Teil aus den inneren Zerwürfnissen der großen Mächte, gerade auch in dem kaiserlichen Deutschland, diesem zerrissenen Land, in dem die paranoide Angst vor so genannten inneren Feinden die Angst vor äußeren Feinden schürte. Der innere Friede ist Voraussetzung für maßvolle Politik nach außen. Auch daher meine Hoffnung, schon oft geäußert, dass das neue Deutschland seine innere Versöhnung finden möge. Es darf in diesem Deutschland keine Bürger zweiter Klasse geben oder Menschen, die sich als solche empfinden; es hat genug Bürger zweiter Klasse in der Geschichte gegeben. Ich habe es selbst erlebt.

Wir stehen am Ende des grausamsten Jahrhunderts in der Geschichte Europas – eine solche Vergangenheit vergeht nicht. Sie ist gegenwärtig in allen unseren Ländern, aus begreiflichen Gründen besonders stark in Deutschland. Mit Recht gibt es Mahnungen gegen Vergessen, diese Stimmen aber beschwören keine Schuld für die heutige Generation. Gefordert wird Verantwortung, verstärkt durch das Wissen um Fehler und Verbrechen in der Vergangenheit. Wir können aus der Vergangenheit lernen, auch dass der Gang der Geschichte offen ist, dass er von Menschen gestaltet wird. Der Glaube an historische Zwangsläufigkeit ist ein gefährlicher Irrtum. Er verführt zur Passivität.

In früheren Zeiten wurde das Geschichtsstudium als Eckpfeiler der Bildung betrachtet. Große Dramatiker brachten Historie auf die Bühne, und Historiker genossen so etwas wie ein Monopol für die Erzählung erforschter Vergangenheit. In einem waren sich Dramendichter und Historiker einig: Die Geschichte ist menschliches Drama, das Wissen um die Vergangenheit sollte das Leben bereichern und erklären.

Ein Dramatiker war in vieler Hinsicht eine Ausnahme: Georg Büchner, genau heute vor 186 Jahren geboren, hat in »Dantons Tod« die große Tragik der Französischen Revolution geschildert, dieses Blutvergießen mit gutem Gewissen. Dantons unerbittliche Frage an Robespierre sollte auswendig gelernt werden: »Ist denn nichts in dir, was dir nicht manchmal ganz leise, heimlich sagte, du lügst, du lügst.«

Sein Stück wurde als unsittlich beschimpft, seine freiheitlich-radikalen Ideen im »Hessischen Landboten«, die soziale Gerechtigkeit fordernd, bedingten sein Exil.

Die meisten Historiker und auch Dramatiker waren eher autoritätskonform und passten sich an jegliches Establishment an und sie wollten und sollten ja identitätsstiftend sein, ihrer Nation eine glorreiche Vergangenheit präsentieren. Kritik war suspekt und meist unerwünscht. Für radikal kritische Darsteller, wie es auch Büchner in seinen politischen Äußerungen war, gab und gibt es im Deutschen den hässlichen Ausdruck des Nestbeschmutzers, der freilich meist die trifft, die das Nest bereinigen wollen.

Historiker sind nicht mehr die Hauptverwalter der Vergangenheit; sie teilen die Verantwortung mit den Regisseuren neuer Medien, die jetzt die Vergangenheit – oft in notgedrungener Verkürzung und oft auch in vermeidbarer Verzerrung – in Beschlag nehmen. Auch hat sich die Zunft zurückgezogen in immer engere Spezialisierung, und schriftstellerische Ambitionen werden oft als nebensächlich abgestreift.

Was aber deutsche Historiker in kritischer Auseinandersetzung mit der Vergangenheit in den letzten 40 Jahren erreicht haben ist bewundernswert. Wir haben heute ein sehr viel nuancierteres Bild der deutschen Vergangenheit als je vorher. Historikerstreit hat es und wird es immer geben: aber was erreicht wurde – die Verbindung mit der internationalen Forschung, der Einklang mit Fachkollegen im Ausland –, wird nicht leicht verloren gehen.

Wir leben heute im Zeichen einer Erinnerungskultur, in der die Erinnerungen Einzelner ebenso wie öffentliche ritualisierte Erinnerung einen wichtigen Platz einnehmen. In den 80er Jahren begann eine Welle von Erinnerungstagen, die die Schreckenszeiten ins Gedächtnis riefen; die Rede von Bundespräsident von Weizsäcker am 8. Mai 1985 war eines der eindrucksvollsten Plädoyers, der Opfer deutscher Gewalt zu gedenken. »Schonung unserer Gefühle durch uns selber oder durch andere hilft nicht weiter.« Der Generationswechsel kommt hinzu: Die Menschen, die noch die volle Wucht extremer Zeiten erlebt haben, treten ab und wollen doch noch Zeugnis ablegen, auch stellvertretend für diejenigen, die als stumme Opfer aus dem Leben scheiden mussten. Die 100 Millionen Europäer, die in diesem Jahrhundert einem unnatürlichen Tode verfallen sind, bleiben in unserem Gedächtnis.

Neue Forschungen über Verstrickungen in bisher unvermuteten Bereichen deutschen und europäischen Lebens haben kritische Auseinandersetzungen mit der Vergangenheit verschärft. Viele unserer Länder befinden sich sowieso im Zuge eines historischen Revisionismus, das heißt, man befasst sich mit den dunklen Seiten der Vergangenheit, um das überlieferte, meist biedere Bild zu korrigieren.

Jeglicher Revisionismus bringt neue Entzweiung mit sich. Deutschland mit der größten Last hat am frühesten mit diesem Revisionismus angefangen; man muss hoffen, dass die schwer erkämpfte Offenheit bestehen bleibt. Deutsche Geschichte wird immer umstritten bleiben, und zwar die gesamte Geschichte und besonders die des Dritten Reichs, das weder Zufall noch historische Notwendigkeit, weder Ausnahme noch Ziel deutscher Geschichte war. Ein ausgewogenes Urteil über die eigene Vergangenheit zu gewinnen ist nicht leicht. Am Vorabend des Schweizer Nationalfeiertags hörte ich die Bundespräsidentin Ruth Dreyfus sagen, dass sie an ihr Land mit »Dankbarkeit und Schmerz« denkt. Diese Worte empfand ich als einen neuen und überzeugenden Ton in der politischen Sprache Europas; sie beschreiben eine schwierige, aber notwendige Mischung der Gefühle.

Erinnerung und Historie sind verwandt und doch tief verschieden. Erinnerung klammert sich an symbolhaltiges Geschehen, ein Bild aus der Vergangenheit haftet in uns. Erinnerung mag mächtig und kann doch ungenau sein, sie hält uns wach, aber führt uns nur an die Schwelle von historischem Verständnis. Erinnerung ist keine erforschende Rekonstruktion der Vergangenheit. Es könnte sein, dass eine nur erinnerte Vergangenheit als Ersatz-Vergangenheit ein ahistorisches Zeitalter in ihrem Bann hält.

Ich habe meine eigenen Erinnerungen: Die Zeiten des Nationalsozialismus sind mir schärfer im Bewusstsein als die Erlebnisse ruhiger Zeiten. Als Siebenjähriger habe ich die Wochen der Machtergreifung erlebt, die ersten Verschleppungen der politischen Feinde des neuen Regimes, Freunde meiner Eltern. Die ersten Opfer des Nationalsozialismus und der wiedereingeführten Folter waren so genannte Arier. Zynischer Sadismus begleitete das Regime von Anfang an. Dachau war mir ein Schreckensbegriff, und ich erinnere mich an die Angst, die der Terror verbreitete, auch an die Hetze gegen Juden, an ihre stets erweiterte Ausgrenzung, wie auch an den Anstand von treu gebliebenen Freunden, an Pastoren der Bekennenden Kirche, die mehrmals im Gefängnis verschwanden – zu einer Zeit, da die meisten Menschen dem Regime und seinen Erfolgen mit Begeisterung folgten. Es war eine Zeit des Aufschwungs und des Scheins von Normalität; Staat und Partei genossen ein Monopol der Kriminalität. Noch sehe ich die glanzvollen Aufmärsche uniformierter Nazis, die mit ihren stolz getragenen Riemen Macht und Bedrohung ausstrahlten. Im Breslauer Gymnasium habe ich Niedertracht und Anstand erfahren, Schmerz und Dankbarkeit empfunden. Ich erinnere mich an die Freunde im Exil, an unser eigenes Bemühen um Auswanderung, wobei mir jetzt erst klar wird, dass das Wort »wandern« ja kaum passend ist. Es war die unbewusste Übertragung der Erfahrung von Millionen Deutschen, die im 19. Jahrhundert freiwillig ihr Land verlassen hatten, um ein besseres Leben in Amerika zu wagen.

Meine Familie ist vier Wochen vor dem November-Pogrom 1938 in Amerika angekommen; für mich ein beglückender Neuanfang. Ich erinnere mich an die Briefe von Freunden und Verwandten, die in Deutschland zurückgeblieben waren, an die ersten Nachrichten von Selbstmord, um der Deportation zu entgehen, an die spätere Nachricht, dass nahe Verwandte nach Theresienstadt deportiert und dann in Auschwitz umgebracht wurden. Der deutsche Viehwagen erweckt noch heute einen Schauer in mir. Aber ich erinnere mich auch, wie sehr meine Eltern an der Heimat gehangen haben, mit welcher Selbstverständlichkeit sie sich bis 1933 als Deutsche empfanden. Nach dem Krieg besuchten sie West-Europa, aber nicht Deutschland; enttäuschte Liebe ist schwer zu überwinden. Care-Pakete haben sie an deutsche Freunde geschickt; vor kurzem bin ich auf einen Brief eines früheren Kollegen meines Vaters, Mortimer von Falkenhausen, gestoßen, der ihm im Februar 1948 schrieb: »Was ich nie werde verstehen können, ist, dass sich zahllose Deutsche widerspruchslos zu grausamen Verbrechern erniedrigen ließen, die in bestialistischer Weise mordeten und wüteten und das ganz in Ordnung fanden. Das wird am Deutschen wie ein Verbrechermal haften bleiben, und darum werden Sie verstehen, dass ich mich schäme, umso mehr als ich keine Besserung sehe.« Es kam Besserung.

Das sind persönliche Beispiele, Erinnerungen, Fragmente aus alter Zeit. Stimmen und Stimmungen sind eigentlich nur Wegweiser zum Ziel des Verstehens. Um einen Begriff Hegelscher Herkunft zu benutzen: Man muss Erinnerungen aufheben, das heißt, sie behalten und gleichzeitig aufwerten, indem man ihren Kontext, die Komplexität der Umstände klarzustellen versucht. Nur dann nähert man sich dem Verstehen. Jedes Urteil muss berücksichtigen, was die Menschen zu der gegebenen Zeit wussten, nie vergessend, dass sie ihre eigene Zukunft, die wir kennen, bestimmt nicht kannten. Sie lebten in einer anderen Welt, mit anderer Mentalität, anderer politischer Kultur.

Mein Anliegen, die Erinnerungen der Vergangenheit in ein breiteres, meist europäisches Geschichtsverständnis aufzuheben, entspricht der vergangenen Wirklichkeit wie der Notwendigkeit unserer Zukunft. Das Verlangen nach einer vergleichenden europäischen Geschichte ist alt und hat mit dem heutigen Brüssel wenig zu tun, obwohl einer der Ersten ihrer Befürworter der belgische Historiker Henri Pirenne war. Der Nestor der deutschen Geschichtsschreibung, Leopold von Ranke, hat in seinem 85. Lebensjahr angefangen, eine Universalgeschichte zu schreiben. Historiker, so wird behauptet, werden mit Alter und Erfahrung immer besser – vielleicht ein Trost für allzu stockende Entwicklung. Wir sollten früher als Ranke mit den neuen Aufgaben beginnen.

Der Nationalsozialismus lastet auf uns allen. Er vergeht nicht, und in einigen dunklen Ecken sieht man, dass der Reiz der reinen Volksgemeinschaft auch jetzt noch verlockend wirkt. Die Verbrechen sind in allgemeiner Erinnerung; die Frage »Wie war es möglich?« wird nicht verjähren, und jegliches Ausweichen in »Normalität« ist vergeblich. Der entfesselte Sadismus, mit dem das europäische Judentum vernichtet wurde, wird mit Recht als Zivilisationsbruch bezeichnet. Das geschah in der langen Nacht der organisierten Bestialität.

Ich habe oft und überall gesagt, dass jegliche Instrumentalisierung oder Trivialisierung der Vernichtung der Juden, jegliches Vergessen der Millionen anderer Opfer sich an den Opfern selbst vergeht. Man ehrt die Opfer eher mit dem Versuch, die Welt, der sie entrissen wurden und die meist mit ihnen zu Grunde ging, in historischer Forschung zu rekonstruieren und so im kollektiven Gedächtnis aufzuheben – und gerade dieser Aufgabe wird im heutigen Deutschland in bemerkenswerter Weise nachgegangen.

Unvermeidlich aber, dass Auschwitz für alle Zeiten als ein Ort deutscher Unmenschlichkeit, des unvorstellbar Bösen bleiben wird. In der für mich überzeugendsten und bewegendsten Darstellung, in Primo Levis »Ist das ein Mensch?«, verfasst als Warnung, dass, was einmal passiert ist, auch in Zukunft passieren könnte, gibt es eine Erinnerung an seinen ersten Tag in Auschwitz, die mir wie ein Mahnmal für alle Zeiten erscheint. Levi schildert den grauenvollen Transport im Viehwagen mit quälendem Durst und fährt fort: »... Durstig wie ich bin, sehe ich vor dem Fenster in Reichweite einen schönen Eiszapfen hängen. Ich öffne das Fenster und mache den Eiszapfen ab, doch gleich kommt ein großer und kräftiger Kerl, der draußen herumging, und reißt ihn mir mit Gewalt aus der Hand. ›Warum?‹ frage ich in meinem beschränkten Deutsch. ›Hier gibt es kein Warum‹, gibt er mir zur Antwort und treibt mich mit einem Stoß zurück.«

Dieses »Hier gibt es kein Warum« ist die Verachtung alles Menschlichen, die verbale Vernichtung. Das »Warum« ist die existenzielle Frage, die jeder Mensch an seinen Gott oder an sein Schicksal richtet. Verbietet man die Frage, verweigert man die Antwort – dann bescheinigt man dem Menschen sein Nicht-Sein, seine absolute Rechtlosigkeit. Hiob beschwört seinen Gott mit Fragen: »Warum tust du dich nicht von mir und lässest mich nicht, bis ich nur meinen Speichel schlinge? ... Warum machst du mich zum Ziel deiner Anläufe, dass ich mir selbst eine Last bin?«

Für mich ist dieses Verweigern von »Warum« der authentische Ausdruck des Totalitarismus, es enthüllt den tiefsten Sinn des Systems: die Negation der westlichen Zivilisation. Die Menschen werden der absoluten Willkür ausgesetzt. Das »Warum« ist nicht nur existenzielle Urfrage, sondern auch die Grundlage jeglichen Rechtssystems; es erzeugt den Anfang des Denkens, den Anstoß zur Wissenschaft, zum fruchtbaren Argument. Die westliche Welt hat den Kampf gegen intolerante Orthodoxie bestanden, hat sich von der Inquisition befreit, und diese Offenheit und Freiheit, die mit dem uneingeschränkten »Warum« beginnt, hat ihr den Vorsprung im geistigen und politischen Leben ermöglicht. Gerade diesen Fels der Menschlichkeit wollte der Totalitarismus zerstören. War der Nationalsozialismus nicht auch der Gräuel einer mörderischen Orthodoxie, einer bejubelten Inquisition in technologischer Vollkommenheit? Der Bolschewismus hat sich meist mit lügenhaften Antworten auf das »Warum« begnügt.

Die Verweigerung des »Warum« hat eine noch größere, allgemeinere Bedeutung für uns. Wir haben den Totalitarismus überwunden und damit den Feind verloren, der uns sozusagen automatisch unserer Tugend versicherte. Früher konnten wir uns begnügen mit dem Gefühl: Wir sind nicht wie diese. Heute sind andere Maßstäbe gefordert: Nehmen wir die Verpflichtung des »Warum« ernst genug, als Recht der Mündigkeit, als Grundanspruch menschlicher Würde? Das In-Frage-Stellen sollte im familiären Bereich beginnen, mit der Ermutigung der Neugier von Kindern, im beruflichen Leben fortgesetzt werden und im politischen Leben einen Höhepunkt erreichen. Aber gerade hier gibt es in unseren Demokratien ein großes Defizit.

Werden heute politische Entscheidungen gründlich erörtert, wird der Bürger er- oder verzogen? Verlassen sich Politiker auf Meinungsumfragen, statt Meinungsbildung zu fördern? Hier sind auch Parlament, Presse und andere Medien gefordert. Noch vor ein paar Jahren war das englische Wort »accountability« in jedermanns Mund. Heute wird öffentliche Rechtfertigung eher vernachlässigt. Public Relations als Ersatz für Public Reasoning, für öffentliche Auseinandersetzung! Das beschreibt einen bedauerlichen Niedergang. Man kann die Bürger durch gezielte Langweile anöden. Die res publica zur Banalität zu erniedrigen oder als technisches Mysterium zu verdecken führt schließlich zur enttäuschten Ermüdung des Bürgers. Denkt man an die Herausforderungen einer sich globalisierenden Welt, dann erschrickt man ob ungenügender Aufklärung. Verdummung oder vorexerzierte Gleichgültigkeit können leicht zum Vorspiel eines neuen Autoritarismus werden.

Die Erinnerung an die Vergangenheit mag die Errungenschaften der Gegenwart klarer erscheinen lassen. Wir haben von ihr gelernt: Faschistische Diktatur gab den Anstoß zu der Erklärung universaler Menschenrechte – die allerdings für lange Zeit unbeachtet blieb. Erst jetzt und nur in einigen Regionen der Welt scheint man bereit zu sein, sie tatkräftig zu schützen. Die mühselige Integration Westeuropas – die sich hoffentlich sehr bald auf Gesamt-Europa erstreckt – war Antwort auf die mörderischen Bürgerkriege, die Europa an den Rand des Abgrunds geführt hatten. Beispiel Deutschland: Die Väter des deutschen Grundgesetzes haben das Scheitern Weimars berücksichtigt. Als die Bundeswehr gegründet wurde, hat man den Bürger in Uniform als Ziel gesetzt und dem Kadavergehorsam ein Ende bereiten wollen.

Aber eine andere Grunderfahrung der früheren Jahre sollte uns nicht verloren gehen. Der große deutsche Physiker Max von Laue, der sich unter dem Nationalsozialismus vorbildlich benahm, schrieb nach dem Krieg: »Wir haben alle gewußt, daß Unrecht geschah, aber wir wollten es nicht sehen, wir betrogen uns selbst und brauchen uns nicht zu wundern, daß wir dafür zahlen müssen.« Dieses »wir wollten es nicht sehen« halte ich für die Furcht erregende Signatur unseres Jahrhunderts: Selbst in diesem Jahrzehnt haben wir den brutalen Zerfall des früheren Jugoslawien zu ignorieren versucht, uns mit Ausreden beruhigt, dass diese Menschen schon immer dem Hass und Morden verfallen sind, dass sie unheilbar anders sind als wir. Das Wegsehen ist nicht nur ein moralisches Versagen, es hat praktische, zerstörerische Folgen. In den ersten Jahren des nächsten Jahrhunderts wird eine völkerrechtliche Basis für die Intervention gegen staatliche Verletzung von Menschenrechten zu schaffen sein. Die Vergangenheit hat uns in mancher Hinsicht gelehrt, wie man es nicht machen soll; wie man es machen soll, bleibt die Aufgabe der Zukunft.

Wir können ahnen, mit welchen Herausforderungen Europa in den nächsten Jahren konfrontiert werden wird; das neue Deutschland als das mächtigste Land in Europa wird besonders gefordert sein. Die Zeit, da man die Bundesrepublik als wirtschaftlichen Riesen und politischen Zwerg beschreiben konnte, ist längst vorbei – wobei ich mir nicht so sicher bin, ob nicht dieser politische Zwerg ein sorgsam verkleideter, erfolgreicher Jongleur war. Vor zehn Jahren habe ich von Deutschlands zweiter Chance gesprochen: Am Ende wie am Anfang des Jahrhunderts hat Deutschland die führende Stelle in Europa – am Anfang in einem weltbeherrschenden Europa, am Ende in einem durch deutsche Kriege relativ geschwächten Europa, aber innerlich befreit von den Bürgerkriegen, die seine moderne Geschichte gekennzeichnet haben. Ein Krieg zwischen europäischen Großmächten ist heute undenkbar – zum ersten Mal in der Geschichte. Das Vertrauen auf Frieden hat vieles in der europäischen Mentalität verändert. Alte Tugenden, wie zum Beispiel Opferbereitschaft – oft missbraucht in sinnlosem Militarismus –, sind verblasst. Gefordert ist Gemeinschaftssinn oder was die Franzosen civisme nennen, wie auch Zivilcourage, jenes Fremdwort im doppelten Sinne im deutschen Bereich. Ob und wie die zweite Chance genutzt werden wird, bleibt offen; ich will mich mit einer kurzen Wunschliste begnügen, mit Anliegen und Hoffnungen, die der Wahrnehmung der zweiten Chance dienen könnten.

Noch einmal und an erster Stelle: Die innere Wiedervereinigung, das ist die Vorbedingung für politische Stabilität in der neuen Republik. Von außen sieht es manchmal so aus, als ob die Versöhnung mit anderen Nationen besser gelungen wäre als mit den Teilen der eigenen, ehemals gespaltenen Nation. Der Außenstehende fürchtet eine anhaltende, möglicherweise zunehmende Entfremdung zwischen Bürgern der alten und neuen Bundesländer – trotz eindrucksvollem wirtschaftlichen Fortschritt, der aber die Unterschiede im Wohlstand noch nicht wesentlich verringert hat. Genügt die Versicherung, dass die psychologische Wiedervereinigung »nur« eine Generationsfrage ist? Könnte historische Reflexion hier nicht nützlich sein? Erinnern sich die Bürger der alten Bundesrepublik an ihren eigenen schwierigen Anfang, der aber recht bald mit amerikanischer Hilfe überwunden wurde – während die Bürger der DDR in vieler Hinsicht die Last des verlorenen Krieges tragen mussten? Sie hatten es unverdient schwer. Das Vergangenheitsverständnis in Ost und West war grundverschieden – und auch das vertieft die Entzweiung. Haben die Westdeutschen zu wenig Verständnis für das Selbstbewusstsein von Menschen, von denen man angenommen hat, sie seien Brüder und Schwestern der gleichen Nation und müssten einem in vielem gleichen?

Man mag an Familienuneinigkeit erinnert sein, und ein literarischer Vergleich kommt mir in den Sinn. In Thomas Manns »Buddenbrooks« werden die Brüder Thomas und Christian als tief verschieden geschildert: Aus Abscheu und aus Angst vor Ansteckung verschanzen sie sich immer mehr in ihrer Eigenart. Schließlich ruft Thomas dem Bruder zu: »Ich bin geworden wie ich bin, weil ich nicht werden wollte wie du. Wenn ich dich innerlich gemieden habe, so geschah es, weil ich mich vor dir hüten muß, weil dein Sein und Wesen eine Gefahr für mich ist ... ich spreche die Wahrheit.«

Die Entfremdung wächst. Natürlich hat Wolfgang Thierse mit Recht gesagt, dass viele Ostdeutsche ein richtiges Leben im falschen System geführt haben. Sie pflegten in der Tat andere Tugenden, sie waren vielleicht deutscher als die drüben, die sich so schnell und mit so viel Hingabe amerikanisiert haben. Aber das darf nicht dazu führen, dass sie in Abscheu vor einem oberflächlich verstandenen westlichen Stil ihre Eigenart verklären: das einfache, wenn auch unfreie Leben, im Gegensatz zum freien und hektischen Leben des westlichen Kapitalismus – und schon gar nicht dazu, dass sie den Wert demokratischer Freiheit erneut vergessen. Auch hatte Jens Reich Recht, wenn er in seinem Buch »Abschied von Lebenslügen« – wenn wir uns nur verabschieden könnten – schrieb: »Wir müssen die Heulnischen verlassen. Aus der zynischen Hängematte aussteigen.«

Es ist oft gesagt worden, dass man auch von den Erfahrungen der DDR hätte lernen können, dass die Wiedervereinigung auch Neubesinnung in den alten Ländern hätte erwecken können. Auch gibt es hervorragende, ja beneidenswerte Beispiele politischer Führung in den neuen Bundesländern; die Außenwelt hofft, dass sie Verständnis finden und Beistand bekommen in ihrem Kampf gegen Kriminalität, gegen anti-demokratische Strömungen ganz gleich welcher Couleur. Ich weiß, dass es politische Kriminalität mit braunen Vorzeichen auch in Amerika gibt, dass die nationalsozialistische Rassenpropaganda jetzt aus Amerika nach Deutschland exportiert wird. Das Wort »Skinhead« beweist ja, dass es sich um ein allgemeines Phänomen handelt, eine Kehrseite der offenen Gesellschaft.

Auch würde ich mir wünschen, dass das neue Deutschland trotz Schwierigkeiten und Enttäuschungen einen größeren Schuss von freudiger Dankbarkeit spüren würde, nicht nur für das Erreichte, das heißt für die erstmalige Festigung einer politischen Kultur in Freiheit, beschützt durch ein Grundgesetz, das allgemeine Akzeptanz gefunden hat. Auch Dankbarkeit für die Wiedervereinigung unter günstigsten Bedingungen. Nein, auch dankbare Anerkennung für diejenigen, die in der Zeit des Naziterrors ihren Anstand bewahrt, und für diejenigen, die im verzweifelten heroischen Widerstand ihr Leben geopfert haben – um der Nation ein moralisches Vermächtnis zu hinterlassen. Auch und besonders Anerkennung für die Hunderttausende von Bürgern in der ehemaligen DDR, die auf die Straßen gingen, um ihre Freiheit zu fordern – ohne zu wissen, ob ein harter Honecker-Kurs die Tragödie vom Tiananmen-Platz wiederholen würde.

Das Privileg, Bürger zu sein, ist recht jung. Vor genau 100 Jahren hat Theodor Mommsen, der erste und außer Winston Churchill der einzige Historiker, der den Nobelpreis für Literatur erhielt, in seinem Testament festgehalten: »Politische Stellung und politischen Einfluß habe ich nie gehabt und nie erstrebt; aber in meinem innersten Wesen, und ich meine, mit dem Besten, was in mir ist, bin ich stets ein animal politicum gewesen und wünschte ein Bürger zu sein. Das ist nicht möglich in unserer Nation, bei der der Einzelne, auch der Beste, über den Dienst im Gliede und den politischen Fetischismus nicht hinauskommt. Diese innere Entzweiung mit dem Volke, dem ich angehöre, hat mich durchaus bestimmt, mit meiner Persönlichkeit, soweit mir dies irgend möglich war, nicht vor das deutsche Publikum zu treten, vor dem mir die Achtung fehlt.« Mit welchen Opfern mussten im Laufe des Jahrhunderts die Rechte des Bürgers erkämpft – jetzt müssen sie geübt werden.

Ich würde mir für dieses Land eine gerechtere, liberale Streitkultur wünschen: offene Debatten um die heikelsten Probleme von Gegenwart und Vergangenheit, Diskussionen ohne Ad-hominem-Verdächtigungen, ohne verletzende, vage Andeutungen, wie es zum Beispiel im so genannten Historikerstreit passierte. Verschweigen ist gefährlich: Ressentiments nisten in der Gesellschaft, bleiben sie unausgesprochen, dringen sie noch tiefer. Es gibt viele Talkshows, in meinem Land zumindest erschöpfen sie sich meist in Oberflächlichkeit, Probleme werden zerredet.

Ein berühmter deutscher Philosoph soll sich beklagt haben, dass seine Lebensgefährtin so viel redet, dass er nicht zum Denken kommt. Worüber redet sie denn, wurde er gefragt. Das sagt sie nicht, war die Antwort. Das kann auch jedem Sonntagsredner passieren. Die politische Klasse hat viel an Glaubwürdigkeit verloren: Sie reden zu viel und sagen zu wenig. Sie vergessen, dass Bürger mündig und ansprechbar sind. Die Völker Osteuropas haben sich gegen ideologische Täuschung gewehrt, das Recht, »in der Wahrheit zu leben«, erkämpft. Es gab schon einmal ein Europa der Demokratien – unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg; sie zerbrachen sehr schnell. Die Lage heute ist viel günstiger, aber Vertrauen auf Immunität vor Gefahren wäre trügerisch. Die Utopien von gestern – Bolschewismus und Faschismus – waren Drogen des politischen Betäubens; die Privatisierung der Drogen ist kein Gewinn.

Die liberale Demokratie ist stets gefährdet. Selbst im Wohlstand taumeln wir von einer Finanzkrise in die andere, und niemand kann garantieren, dass der globalisierte freie Markt nicht eines Tages in eine Krise stürzt, die neues Elend verbreitet und zu falschen Heilmitteln wie Illiberalismus und Protektionismus führen könnte. Jegliche Form von Verunsicherung begünstigt Extremismus und Kriminalität; solche Zustände verleiten Menschen zum Glauben an die Notwendigkeit autoritärer Führung.

Ralf Dahrendorf hat mit Recht bemerkt, dass es »unsere Aufgabe ist, Wettbewerbsfähigkeit, sozialen Zusammenhalt und politische Freiheit in Einklang zu bringen«, eine Aufgabe, wie er schrieb, die der Quadratur des Kreises gleichkäme. Wenn Wettbewerbsnotwendigkeit sozialen Zusammenhalt weiter schwächt, dann ist auch die Freiheit in Gefahr.

Das Ende des Jahrhunderts, das von Deutschland und Amerika unterschiedlich geprägt wurde, hat die Lage dieser Nation noch einmal dramatisch verändert. Die Selbstverständlichkeit deutscher Bereitschaft, einen vollgültigen Platz im Kosovo-Krieg einzunehmen, bedeutet Anerkennung neuer Verantwortungen innerhalb und außerhalb Deutschlands. Die Bundeswehr im Balkan zusammen mit den Einheiten ehemaliger Feinde besiegelt eine neue Ordnung. Deutsche Initiativen bei der Vermittlung von Frieden und deutsche Bemühungen um einen Stabilitätspakt im Südosten Europas sind weitere Beweise für den neuen Stand. Bei der Neugestaltung Europas, bei dem Ausbau europäischer Integration wird Deutschland eine immer größere Verantwortung tragen. Die neue Republik soll weiter der Hauptvertreter der Interessen der mitteleuropäischen Länder und ganz besonders der Interessen Polens, Ungarns und der Tschechischen Republik bleiben: Die Vision Europa war für diese Nationen wegweisend, und trotz Schreckenserinnerungen haben sie sich für die Wiedervereinigung Deutschlands eingesetzt. Jetzt gilt es, ihnen die völlige Zugehörigkeit zu Europa so schnell wie möglich zu vermitteln. In Europa mag Führungsnot bestehen, weil Führungswille fehlt; die Rolle des Primus inter Pares wird an die neue Republik fallen – eine neue Verantwortung für deutsche Diplomatie.

Auch die Gestaltung deutsch-amerikanischer Beziehungen wird schwieriger werden. Es wäre leicht, sich in Pietät zu erschöpfen: auf alte Freundschaft und treue Dankbarkeit zu pochen und zu vergessen, dass es auch hier Zeiten des gegenseitigen Misstrauens und des Konfliktes gab. Am Anfang der Bonner Republik war Amerika Beschützer und Vorbild. Die jetzige Republik ist sehr viel weniger auf Amerika als Schutzmacht angewiesen, und das Vorbild ist verblasst. Es mag kurzfristig verlockend sein, in die alten anti-amerikanischen Klischees zu verfallen und das Schrumpfen der eigenen Identitätsgefühle der amerikanisch getriebenen Globalisierung vorzuwerfen. Aber Feindbilder sind nur bequeme Trotzigkeit. Die transatlantischen Beziehungen, nie ungetrübt, werden turbulenter werden; vielleicht wird Berlin die Rolle übernehmen müssen, die Bismarck einst für sich beanspruchte: den ehrlichen Makler zu spielen – wobei manche zweifelten, ob es so etwas überhaupt gibt.

Zwei Schlussbemerkungen. Ein besonderes Anliegen an die jüngere Generation: Wir Alten haben viel erlebt und einiges erreicht, aber wir hinterlassen weder eine heile noch eine helle Welt. Wir hatten ein Privileg, das wir gerne vererben würden: Wir hatten ein mehr oder weniger ungebrochenes Verhältnis zu den großen Denkern der Vergangenheit; das mag hochtrabend klingen, es soll nur ins Bewusstsein rufen, dass so viel menschliche Weisheit in den Gedanken der letzten Millennia steckt; ich wünsche der jüngeren Generation den Genuss dessen, was man, trotz allem, das europäische Kulturgut nennen darf. Flüchtet euch von Zeit zu Zeit auf die berühmte einsame Insel mit einem gut ausgewählten Buch: Es nährt Kopf und Seele wie sonst kaum etwas.

Sicher gibt es Momente im Leben, in denen das Gebot des »Warum« seine Relevanz verliert. In Momenten physischer Gefahr mag Gehorsam rettende Notwendigkeit darstellen. In der Liebe gibt es oft kein »Warum«. Auch nicht bei einem Geschenk, wie es mir heute überreicht worden ist. Aber mein unerhofftes Glück, in der Paulskirche erscheinen zu dürfen, verlangt Nachdenken: Wie kam es eigentlich zu meiner immer stärkeren Verwicklung ins deutsche Nachkriegsleben? Rückblickend ist es mir klar, dass die Kindheit es vorbestimmt hat: Der Nationalsozialismus war das gefühlsbestimmende Lehrstück meiner politischen Erziehung. Ich schulde dieser Kindheit und der durch frühe Erlebnisse verkürzten Jugend einen wichtigen Teil des späteren Lebens. Durch den Nationalsozialismus entbrannte meine Liebe zur Freiheit als einem menschlichen Gut, als Vorbedingung aller anderen Güter. Heine hatte Recht: »Freiheitsliebe ist eine Kerkerblume«; ich wünschte trotzdem, sie könnte überall blühen.

Ich konnte mich von dem Drama der deutschen Geschichte nicht lossagen, es hat meine Arbeit mitbestimmt. Es war kein leichter Prozess, mein neues Engagement mit deutschen Dingen. Ich musste selbst eine Art »Denazifizierung« durchmachen, das heißt, die Überzeugung gewinnen, dass deutsche Geschichte nicht aus der Perspektive von 1945 allein beurteilt werden kann. Aber die Erinnerung an Menschen aus meiner Kindheit, die sich schon damals für ein freiheitliches Deutschland eingesetzt hatten, kam zu Hilfe. Der Aufbau des Nachkriegsdeutschlands kam nicht ex nihilo; mit Recht hat man sich auf alte, wenn auch schwache Traditionen berufen. Ich habe mich in den letzten Jahrzehnten immer mehr mit deutschen Dingen beschäftigt, aber auch Distanz gehalten – um Gefahren klarer zu sehen und gelegentlich vor ihnen zu warnen.

Deutsche Freunde haben mir diese Art geistigen Miterlebens ermöglicht, und so konnte ich den enttäuschten Träumen meiner Eltern treu bleiben. Und wenn ich hier nur einen Namen nennen darf, dann wäre es der von Marion Gräfin Dönhoff, deren Geschenk der Freundschaft für mich befreiend und lebensbestimmend ist; sie hat uns gezeigt, wie man persönlichen Verlust in einen unschätzbaren Gewinn für andere verwandeln kann, sie vermittelt Versöhnung mit preußischer Schlichtheit. Ich bin hiesigen und europäischen Freunden tief verpflichtet.

Für mich bleibt das deutsch-amerikanische Verständnis ein Gebot der Geschichte, der Politik und des eigenen Lebens. Ich bin Bürger eines Landes, aber meine Liebe gehört zwei Sprachen, gleich gefährdet, einer alten Kultur, gleich vernachlässigt. Mein Dank gehört dem Land, in dem meine Kinder und Enkelkinder in Freiheit aufwachsen konnten, und dass ich diesen Dank klar empfinde, dass ich Freundschaft als lebenswichtiges Geschenk erlebe, das verdanke ich dem Land, das mich einst verstoßen hat und mit dem ich neu verbunden bin. Ich danke Ihnen.