Tagebuch der Deutschen Einheit 1985-1990

März 1985:
Nach dem Tod seines Vorgängers Konstantin Tschernenko wird der 54jährige Michail S. Gorbatschow zum neuen Generalsekretär des Zentralkomitees der KPdSU gewählt. Unter den Schlagworten "Glasnost" (Offenheit) und "Perestroika" (Umgestaltung) nimmt er eine Reform des sowjetischen Staats- und Wirtschaftssystems in Angriff.

Oktober 1988:
In Ungarn setzt sich der Reformflügel der Kommunistischen Partei durch und wählt den jungen Wirtschaftsfachmann Miklos Nemeth zum Ministerpräsidenten.

Ende Oktober wird des Ungarnaufstandes von 1956 gedacht. Nemeth nennt diesen Aufstand erstmals offiziell einen Volksaufstand. Seine Regierung ehrt öffentlich die Opfer der Sowjet-Intervention.

November 1988:
Nemeth stattet der Stadt Steinamanger nahe der österreichischen Grenze einen formellen Besuch ab. Nach Abschluß des förmlichen Teils läßt er sich zu den Grenzanlagen fahren, die er bis zu diesem Zeitpunkt noch nie mit eigenen Augen gesehen hatte. Bei der Fahrt durch die 5 km tiefe Sperrzone sieht er zum ersten Mal die Wachtürme, die Soldaten mit ihren scharfen Wachhunden und den 3-fachen Stacheldrahtzaun mit elektrischen Signalfallen. Nemeth empfindet all das als abstoßend, ja beschämend für Ungarn.

Bei der nächsten Kabinettsitzung fordert sein Innenminister Geld für die Erneuerung und Modernisierung der morschen und veralteten Grenzanlagen. Nemeth erwidert ihm: "Dafür gibt es keinen Pfennig. Wir lassen alles so, wie es ist und wollen sehen, was später damit geschieht."

Donnerstag, 2. März 1989:
Miklos Nemeth macht seinen Antrittsbesuch bei Kremlchef Gorbatschow. Er will dem obersten Herrscher des sozialistischen Lagers klarmachen, daß Ungarn eben diesen Sozialismus abschaffen will. Schnell faßt Nemeth Vertrauen zu Gorbatschow und erkennt, daß dieser Mann eine Riesenchance für Ungarn ist. Auf Umwegen kommt er auf das heikle Thema "Abbau des Eisernen Vorhangs" zu sprechen und berichtet, daß seine Regierung daran arbeite, demnächst freie Wahlen mit einem Mehrparteiensystem durchzuführen. Er wäre sich hundertprozentig sicher, daß als Ergebnis dieser Wahl die herrschende Partei ihre Macht verlieren würde. Andererseits wären in Ungarn noch 100.000 Sowjetsoldaten stationiert. Schließlich fordert Nemeth Gorbatschow mit folgender Frage heraus: "Wenn wir und die herrschende Partei aus der Macht und der Regierung verdrängt werden und Sie haben dann noch 100.000 Soldaten in Ungarn, werden Sie dann eingreifen wie 1956 oder werden Sie es nicht?" Ohne zu zögern antwortet Gorbatschow: "Zuallererst bedaure ich, was 1956 in Ungarn geschehen ist. Das wird nie wieder vorkommen. Nie wieder!"

Auf dem Rückflug macht sich Nemeth seine Gedanken. Seit vier Jahren ist Gorbatschow schon im Amt, doch keiner unter den Verbündeten hat seine Perestroika bisher ernst genommen. Nemeth will den neuen Freiraum jetzt ausprobieren - bis an die Grenzen der sowjetischen Toleranz.

Dienstag, 2. Mai 1989:
Am 2. Mai durchschneidet der ungarische Außenminister Gyula Horn in einer PR-Aktion zusammen mit seinem österreichischen Amtskollegen Alois Mock mit einer Drahtschere den Stacheldrahtverhau und schafft somit das erste Loch im "Eisernen Vorhang". In den darauffolgenden Wochen wird diese PR-Aktion mit mehreren ausländischen Staatsgästen wiederholt, die sich alle ihr eigenes Stück des Eisernen Vorhangs aus dem Stacheldraht herausschneiden dürfen.

Die ungarischen Grenzsoldaten haben Anweisung, Stacheldraht und Elektrozaun an der Grenze zu Österreich komplett zu entfernen und die Grenze in Zukunft durch Patrouillen zu überwachen.

Sonntag, 7. Mai 1989:
Die Kommunalwahlen in der DDR laufen in vielen Wahllokalen unter Beobachtung der Opposition ab. Am Abend verkündet der Wahlleiter Egon Krenz das Ergebnis: 98,85 Prozent für die "Nationale Front", den Zusammenschluß von SED, Blockparteien, Massenorganisationen und Verbänden. Die Opposition hat jedoch mitgezählt und spricht erstmals öffentlich von Wahlfälschung.

Dienstag, 6. Juni 1989:
Das SED-Zentralorgan "Neues Deutschland" verteidigt das Vorgehen der chinesischen Führung beim Massaker an chinesischen Studenten auf dem Pekinger Platz des Himmlischen Friedens vom 4. Juni.

Mittwoch, 7. Juni 1989:
Für die noch recht schwache Oppositionsbewegung in der DDR ist die dreiste Wahlfälschung vom 7. Mai ein Signal. In vielen Städten unterstreichen an jedem 7. des Monats einzelne couragierte Gruppen ihre Forderung nach Überprüfung der so offenkundig zentral manipulierten Wahlergebnisse. Aber den ganzen Sommer über ist die Teilnahme an einer Demonstration in der DDR immer noch gefährlich: die Sache einer Minderheit.

Juni 1989:
300.000 DDR-Urlauber überfluten Ungarns Campingplätze und Hotels, auffallend viele in den grenznahen Gebieten. Mindestens jeder Zehnte, so hört man, denkt an Flucht in den Westen. Die ersten DDR-Autos bleiben leer stehen. Nachts gibt es auf den Campingplätzen von Balaton und Neusiedler See nur noch ein brennendes Thema: Wie kommen wir raus - über die "grüne Grenze"? Und jeden Morgen sieht man das eine oder andere verlassene Zelt von jenen, denen es nachts gelungen ist über die Grenze zu schleichen. Die meisten Flüchtlinge, die versuchen über die grüne Grenze nach Österreich zu gelangen, werden von den ungarischen Grenzschützern gestellt und in Ungarn wieder freigelassen - manche zum wiederholten Male. Die Flucht gelingt nur wenigen Einzelgängern oder kleinen Gruppen.

Einige DDR-Bürger versprechen sich mehr Chancen durch die bundesdeutsche Botschaft in Budapest. Dort warten sie unter dem Motto "Ich gehe nicht mehr zurück" beharrlich auf ihre legale Ausreise.

Ende Juni lotsen die ersten österreichischen Fluchthelfer aus dem angrenzenden Burgenland DDR-Bürger über die Grenze.

Dem DDR-Innenministerium liegen im Juni etwa 120.000 Ausreiseanträge vor, darunter viele von Jugendlichen. Begründet werden die Anträge mit den Versorgungsmängeln in der DDR, den schlechten Dienstleistungen, den ständigen Schikanen, den fehlenden Reisemöglichkeiten, dem Ärger mit den Behörden und der Medienpolitik.

Juli 1989:
Der Strom der Menschen, die - willkommen oder nicht - in den westlichen Botschaften Ostberlins Zuflucht suchen, schwillt immer mehr an. Die Bonner Vertretung in Ostberlin, aber auch andere, werden von der Volkspolizei hermetisch abgeriegelt. Manche Fluchtversuche glücken, andere nicht. In den meisten Fällen verlassen die Ausreisewilligen wieder die Botschaft, nachdem ihnen Straffreiheit und juristische Beratung bei ihren Ausreisebegehren von der DDR-Führung zugesichert werden. Für solche Fälle tritt der Ostberliner Rechtsanwalt Dr. Vogel als Vermittler auf.

Dienstag, 11. Juli 1989:
Während des Kirchentages in Leipzig zeigt eine Gruppe zwei Plakate, auf denen "Demokratie" und "Nie wieder Wahlbetrug" zu lesen ist. Zivilbeamte des Staatssicherheitsdienstes versuchen daraufhin, die Anführer der Gruppe festzunehmen. Die Gruppe kann jedoch in die geöffnete Petrikirche flüchten.

Juli 1989:
Wie in Budapest, so versammeln sich nun auch in der bundesdeutschen Botschaft in Prag die ersten ausreisewilligen DDR-Bürger. Sie betrachten Prag als die erste Etappe auf dem Weg in den Westen, weil sie kein Reisevisum für Ungarn haben und die Tschechoslowakei somit das einzige Land ist, in das DDR-Bürger mit ihrem Personalausweis reisen können.

Freitag, 4. August 1989:
In Bonn wird inoffiziell mitgeteilt, daß sich etwa 150 DDR-Bürger in der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Budapest aufhalten, um ihre Ausreise zu erzwingen.

Freitag, 11. August 1989:
Nach der Botschaft in Budapest und der ständigen Vertretung in Ostberlin muß nun auch die Bonner Botschaft in Prag vorübergehend geschlossen werden, weil die Anzahl der Zufluchtsuchenden inzwischen auf über 100 angestiegen ist. Auch in der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Warschau finden sich die ersten ausreisewilligen DDR-Bürger ein.

Samstag, 12. August 1989:
Weil die Botschaft geschlossen ist, besetzen verzweifelte Flüchtlinge das Botschaftsgelände in Prag.

August 1989:
Immer mehr DDR-Flüchtlinge stranden in Budapest ohne Geld und von der Hitze völlig erschöpft im Hof der Pfarrkirche Sugiget. Der Malteserpfarrers Imre Cozma ruft die Budapester Bevölkerung zu Spenden auf. Die Hilfsbereitschaft der Ungarn ist überwältigend: jeder bietet seine Hilfe an, seine Wohnung oder wenigstens sein Badezimmer. Der ungarische Malteser-Caritasdienst errichtet auf Bitten der bundesdeutschen Botschaft ein Zeltlager im Hof der Kirche. Freiwillige ungarische Helfer verpflegen die Ostdeutschen aus Gulaschkanonen. Frisch gestärkt starten sie von hier aus zu neuen Fluchtversuchen.

Dienstag, 15. August 1989:
Die "Paneuropa-Union" veranstaltet in Sopron an der ungarisch-österreichischen Grenze ein Picknick unter der Schirmherrschaft des Europa-Abgeordneten Otto von Habsburg und des ungarischen Reformpolitikers Imre Poszgai. Walburga von Habsburg, die Tochter des Europa-Parlamentariers, hatte die Idee für diese Veranstaltung, in deren Verlauf ein Grenztor für einige Minuten geöffnet und unbewacht gelassen werden sollte - als symbolische Demonstration für ein freies Europa ohne Grenzen. Als das Tor tatsächlich geöffnet wird, ergreifen 668 DDR-Bürger die Gelegenheit beim Schopf: Die erste Massenflucht! Und zum ersten Mal konnten DDR-Bürger frei und unbehelligt in den Westen gehen. Imre Poszgai hatte die Grenztruppen angewiesen, nicht einzugreifen.

In den nächsten Wochen fliehen 3.000 DDR-Bürger nur mit dem Rucksack und dem, was sie auf dem Leib tragen, über die grüne Grenze nach Österreich.

August 1989:
Die ungarische Führung versucht die Lage in der Bonner Botschaft in Budapest zu entspannen, indem sie 108 Botschaftsflüchtlinge vom Roten Kreuz über Wien in die Bundesrepublik bringen läßt.

Unterdessen werden die DDR-Kontrollen an der Grenze zur CSSR verschärft. Es wird nach Gegenständen gesucht, die den vermeintlichen Ungarn-Touristen als potentiellen Republikflüchtling enttarnen. Deswegen werden Familienstammbuch, Zeugnisse und sonstige wichtige Papiere an den unmöglichsten Stellen versteckt. Wer erwischt wird, wird der Stasi "zugeführt".

Egon Krenz ist nach Hans Modrow und Günter Schabowski der dritte prominente DDR-Politiker, der die Volksrepublik China nach dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens besucht. Er versichert dem KP-Chef Jiang Zemin "wer wie die Volksrepublik China und die DDR die gleichen gesellschaftlichen Ziele im Interesse des Volkes" verfolge, stehe auf der "Barrikade der sozialistischen Revolution auch dem gleichen imperialistischen Gegner" gegenüber. Diese Solidaritätsbekundung löst Empörung und bei der Opposition die Befürchtung aus, Krenz könne auch für die DDR eine Pekinger Lösung befürworten.

Freitag, 18. August 1989:
Das deutsche Rote Kreuz errichtet die ersten Zelte und sanitären Einrichtungen auf dem Gelände der Prager Botschaft.

Dienstag, 22. August 1989:
240 Flüchtlinge überqueren bei Sopron im Laufschritt die Grenze. Die Grenzsoldaten werden von der Menge überrascht und greifen nicht ein.

Mittwoch, 23. August 1989:
Ein Massenfluchtversuch nach dem Vorbild des Vortages wird mit Gewalt gestoppt. Sogenannte Arbeitermilizen, die letzten Kampftruppen der Kommunistischen Partei, schießen scharf und verletzen zwei Flüchtlinge.

Die ungarische Regierung beschließt intern auf Vorschlag von Ministerpräsident Nemeth, das Flüchtlingsproblem dadurch zu lösen, daß man die Grenzen zum Westen öffnet.

Donnerstag, 24. August 1989:
Der DDR-Bürger Werner Schulz unternimmt mit seiner Familie einen Fluchtversuch und versucht gerade, sein Baby über den Stacheldraht hinweg zu seiner Frau auf der anderen Seite zu reichen. Da stellt sich ihm ein junger ungarischer Grenzsoldat entgegen. Der Vater wehrt sich, da löst sich ein Schuß. Sterbend kriecht Werner Schulz noch auf österreichisches Gebiet, wo er verblutet. Der junge Soldat erleidet einen Nervenzusammenbruch.

Als Konsequenz werden die bewaffneten Arbeitermilizen abgezogen und wenig später aufgelöst. Normale Schutzpolizei übernimmt jetzt wieder die Kontrolle im Grenzgebiet. Sie stoppt alle DDR-Autos und schickt Fluchtwillige zurück nach Budapest.

Freitag, 25. August 1989:
Ungarns Ministerpräsident Nemeth fliegt mit seinem Außenminister Horn nach Bonn. Die Bundesregierung läßt sie inkognito zum Schloß Gymnich bringen, wo sie von Bundeskanzler Kohl und Außenminister Genscher empfangen werden. Kohl und Genscher wollen bei diesem Gespräch ausloten, wie groß die Chancen sind, mit wirtschaftlich-finanzieller Hilfe die Lage der Landsleute in Ungarn verbessern zu können. Bevor Kohl jedoch das Thema anschneiden kann, unterrichtet ihn Nemeth über die Entscheidung der ungarischen Regierung, den DDR-Bürgern die freie Ausreise zu erlauben. Sie hätten sich dazu allein aus humanitären Gründen entschlossen. Als Nemeth bemerkt, daß ihm seine beiden Gesprächspartner anfangs gar keinen Glauben schenken wollen, wendet er ein: "Wir sind nicht vergleichbar mit Ceaucescu, der seine Bürger für Geld verkauft. Wir haben diese Entscheidung getroffen, weil wir fühlen, daß dies die einzige annehmbare Lösung ist. Nicht nur für die DDR-Bürger, sondern auch für uns als Regierung. Und wir werden dabei vom ungarischen Volk unterstützt."

Als dem Bundeskanzler endlich klar wird, daß dies von der ungarischen Seite schon eine unverrückbare Entscheidung ist, macht er einen innerlich sehr bewegten Eindruck. Er hat beinahe Tränen in den Augen, als er erwidert: "Herr Nemeth, das deutsche Volk wird niemals vergessen, was Sie mit dieser Entscheidung getan haben."

Montag, 28. August 1989:
Ungarns Außenminister Gyula Horn reist nach Ostberlin. Er will dort den SED-Genossen die geplante Grenzöffnung möglichst schonend beibringen, denn er befürchtet Repressionen durch die sozialistischen Bruderländer. Was im DDR-Fernsehen am Abend als "freundschaftliches Gespräch" bezeichnet wird, ist in Wahrheit ein knallharter Streit. Horn erklärt sofort, daß er über die Ausreise nicht mehr verhandeln wolle, sondern die DDR nur pflichtgemäß informiere. Daraufhin bekommt DDR-Außenminister Fischer einen Wutanfall. Schließlich wird das Gespräch im Streit abgebrochen. Noch während Horns Rückreise versucht Ostberlin den großen Bruder in Moskau gegen Budapest zu mobilisieren.

Nur ein einziges, winziges Zugeständnis hat Ostberlin von Horn herausgeholt. Die DDR-Botschaft darf in Budapest einen Wohnwagen als Beratungsbüro eröffnen, der gegenüber dem Flüchtlingslager aufgestellt wird. Dort sollen alle Flüchtlinge beraten werden, die in die DDR zurückkehren wollen - doch kein einziger Rückkehrer meldet sich. Der DDR-Botschaftssekretär, der tagelang im Wohnwagen sitzt und schmort, wird nun zum internationalen Gespött.

Dienstag, 29. August 1989:
In den Fluten der Oder ertrinkt eine junge Frau, die zusammen mit ihrem Freund in die Warschauer Botschaft flüchten wollte.

September 1989:
In den evangelischen Kirchen formiert sich zunächst fast lautlos der Widerstand. Wie z.B. in der Ostberliner Gethsemane-Kirche, in der Friedensgebete und Mahnwachen abgehalten werden.

Samstag, 2. September 1989:
Für die Menschen in den ungarischen Flüchtlingslagern wird die Hoffnung auf eine legale Ausreise immer kleiner. Aus Bonn kommen entmutigende Meldungen. Einzelne Politiker aus allen Parteien warnen lauthals vor "massenhafter Flüchtlingsausreise", vor "Gefahr für den Entspannungsprozeß" und vor "großdeutscher Einstaatentheorie". Verzweifelt planen Flüchtlinge jetzt sogar einen Hungerstreik, um Ungarn unter Druck zu setzen.

Montag, 4. September 1989:
Auch in Leipzig formiert sich der Widerstand. Zum ersten Mal haben fast 100 Oppositionelle den Mut, im Anschluß an das Montagsgebet in der Nikolaikirche auf die Straße zu gehen und gegen das übermächtig scheinende Regime zu demonstrieren: Gegen den Wahlbetrug und für eine gründliche Reform des politischen Lebens in der DDR. Es kommt zu ein paar Krawallen, die jedoch sofort von Sicherheitskräften zerschlagen werden.

Donnerstag, 7. September 1989:
In Ostberlin werden 80 Personen und damit über die Hälfte einer Gruppe festgenommen, die gegen die Wahlfälschung vom 7. Mai protestieren.

Sonntag, 10. September 1989:
Entgegen bestehender Verträge setzt die ungarische Regierung Bestimmungen des Reiseabkommens mit der DDR außer Kraft und gestattet den seit Wochen teilweise in Lagern auf diesen Tag wartenden DDR-Bürgern, "in ein Land ihrer Wahl auszureisen". Sie läßt sich bei ihrer Entscheidung "von den allgemein anerkannten internationalen Prinzipien der Menschenrechte" leiten. Nach Mitternacht rollt eine schier endlose Kolonne von Trabis über die Grenze nach Österreich. Der ADAC versorgt die Flüchtlinge mit ausreichend Zweitakter-Kraftstoff und erklärt ihnen anhand von Straßenkarten den Weg in eines der Auffanglager, die vorsorglich in Bayern aufgebaut wurden. Andere Flüchtlinge, für die das Amtsdeutsch nur den Begriff "Übersiedler" übrig hat, gelangen mit Bussen oder mit der Bahn in die Auffanglager. 50.000 Deutsche sind auf dem Weg nach Westen.

Die DDR protestiert scharf und verurteilt die massive Fluchtbewegung als "imperialistischen Menschenhandel". Im übrigen weine man den Verrätern von Budapest keine Träne nach.

Die tschechoslowakische Polizei umstellt währenddessen die Bonner Botschaft in Prag.

Montag, 11. September 1989:
In der DDR veröffentlicht am 11. September 1989 das "Neue Forum" als erste landesweite Oppositionsgruppe ihren Gründungsaufruf unter dem Motto "Die Zeit ist reif". Damit bildet sich um die Malerin Bärbel Bohley und den Schriftsteller Jens Reich die erste landesweite, von Kirche und Staat unabhängige Oppositionsgruppe.

In Leipzig werden 70 Oppositionelle festgenommen, als sie die Nikolai-Kirche, in der wöchentlich Friedensandachten stattfinden, verlassen.

Gleichzeitig strömen seit Mitternacht etwa 10.000 DDR-Bürger über die geöffnete ungarische Grenze über Österreich nach Bayern. Viele Flüchtlingslager entstehen. In Vilshofen mischt sich Ministerpräsident Max Streibl unter die Neuankömmlinge und leert mit ihnen einen Teller Erbsensuppe.

Dienstag, 12. September 1989:
Die ungarischen Flüchtlingslager werden zu "Geisterstädten", da das Land seine Grenzen öffnete. Die in Bayern errichteten Zeltstädte sind überfüllt.

Prag bleibt noch hart, die Ausreise ist für die in die dortige Botschaft geflüchteten Menschen nur in Richtung DDR möglich. Nach einem Besuch des Ostberliner Rechtsanwalts Dr. Vogel in der Botschaft fahren rund 250 von über 450 Ausreisewilligen tatsächlich zurück. Ihnen war Straffreiheit und juristische Beratung bei ihren Ausreiseanträgen zugesichert worden.

Mittwoch, 13. September 1989:
Der zum SED-Politbüro gehörende FDGB-Vorsitzende Harry Tisch trifft auf Einladung des DGB zu einem viertägigen Besuch in Frankfurt/Main ein, in dessen Verlauf er betont, daß sich der sozialistische deutsche Staat trotz aller gegenwärtigen "Aggressivitäten" auf seinem Weg nicht aufhalten lassen werde.

Zur Zeit machen noch ca. 120.000 DDR-Bürger in Ungarn Urlaub.

Donnerstag, 14. September 1989:
In den letzten drei Tagen haben 2.550 Familien einen Reiseantrag nach Ungarn gestellt. Das bedeutet eine Zunahme von 250 Prozent. Es werden jedoch keine Anträge mehr genehmigt.

Freitag, 15. September 1989:
Die Situation in der Prager Botschaft wird zunehmend unerträglicher. Die Anzahl derer, die im Botschaftsgarten auf ihre Ausreise warten, übersteigt inzwischen 3.000. Das deutsche Rote Kreuz tut, was es kann. Der Botschafter und sein Personal opfern sich auf. Das Warten wird schier unerträglich. Die Bilder aus dem Botschaftsgarten gehen um die Welt und setzen die DDR-Führung unter Druck.

Samstag, 16. September 1989:
Die Münchner feiern bei strahlendem Sonnenschein ihr erstes Wies'n-Wochenende und in der Stadt tauchen immer mehr Trabis auf: Flüchtlinge, die während der letzten Woche über Ungarn in die Bundesrepublik kamen, gehen erstmals in ihrem Leben aufs Oktoberfest. Andere fahren nach Westberlin, um die Mauer von der anderen Seite zu sehen.

Montag, 18. September 1989:
In der DDR wird spekuliert, ob Honecker überhaupt noch lebt. Er liegt schon seit vier Wochen in der Klinik.

Dienstag, 19. September 1989:
Das "Neue Forum" versucht einen ersten Schritt in die Legalität und meldet die Vereinigung in elf der 14 DDR-Bezirke an.

Mittwoch, 20. September 1989:
Der erste zaghafte neue Ton in der Ostberliner Regierung: Die liberale Tageszeitung "Der Morgen" druckt eine Rede des LDPD-Vorsitzenden Manfred Gerlach ab, in der er sich dafür ausspricht, "Neues nicht zu blockieren, sondern aufzuspüren und auf den Weg zu bringen". Original-Ton Gerlach: "Die DDR braucht Fragende, Ungeduldige, Neugierige; sie braucht jeden, der sich an der Normalität reibt und so hilft, Neues zu entdecken und durchzusetzen."

Doch am gleichen Tag wird dem deutschlandpolitischen Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Eduard Lintner (CSU) vom Außenministerium der DDR mitgeteilt, daß seine Einreise in die DDR unerwünscht sei und man ihn an der Grenze abweisen werde. Lintner wollte am 21. September zu Gesprächen nach Ostberlin reisen.

Der Flüchtlingsstrom aus Ungarn hält währenddessen unvermindert an.

Sonntag, 24. September 1989:
In Leipzig findet das erste landesweite Treffen der DDR-Opposition statt.

Montag, 25. September 1989:
Das DDR-Innenministerium teilt mit, daß der von zwei Personen unterzeichnete Antrag zur Bildung einer Vereinigung "Neues Forum" eingegangen ist, geprüft und abgelehnt wurde. Ziele und Anliegen der beantragten Vereinigung widersprächen der Verfassung der DDR und stellten eine staatsfeindliche Plattform dar.

In Ostberlin meldet sich die Bürgerbewegung "Demokratie jetzt" zu Wort und mit dem "Demokratischen Aufbruch" wird die zweite landesweite Oppositionsgruppe gegründet.

In Leipzig zählt die nun schon traditionelle Montagsdemonstration im Anschluß an die Friedensandacht in der Nikolaikirche bereits 5.000 Teilnehmer. Die Menge skandiert "Freiheit" und "Wir wollen raus."

September 1989:
"Sind Sie mit dem Auto gekommen?" - "Nee, mit'm Trabi." Grenzdialog im September anno 1989. Ein überglücklicher DDR-Bürger hat es geschafft. Mehr als 2.000 Kilometer mit vier Leuten in ein Gefährt eingezwängt, das seinen Insassen weniger Platz läßt als eine Telefonzelle. Und doch wird der Trabi zum Star dieser motorisierten Völkerwanderung. Eigentlich hat dieses Vehikel - einige Zeitungen benutzen in diesem Zusammenhang das Wort "Auto" nur in Anführungszeichen - nichts, was es liebenswert machen könnte: es fährt eher schlecht als recht, ist hoffnungslos veraltet und verpestet die Umwelt. Aber es fährt...

Aus der DDR rollen mit der Flüchtlingswelle Tausende kleiner Trabis in den goldenen Westen. Und dort bereitet Mr. Liberty, wie ein Trabi-Fahrer auf seinen Wagen gesprüht hat, nicht wenige Probleme. Der ADAC schafft in aller Eile Zweitaktersprit an die Einreise-Übergänge. Der TÜV weiß nicht mehr, wie man einen Trabi nach bundesdeutscher Straßenverkehrszulassungsordnung zu behandeln hat. Gnädig gewährt Bonn eine Übergangsfrist.

Die Republik nimmt ihn und seine Insassen großherzig auf. Während der frischgebackene Passauer Polizeichef nach drei Wochen erfolgloser Wohnungssuche in der örtlichen Tageszeitung seinem Herzen Luft macht, müssen die Übersiedler kaum mehr als eine Woche warten. Auch Arbeitsplätze sind kein Problem. Firmen werben mit Handzetteln schon im Aufnahmelager um Fachkräfte.

Samstag, 30. September 1989:
Die DDR-Regierung in Ostberlin stimmt überraschend einer direkten Ausreise der Prager bzw. Warschauer Botschaftsflüchtlinge in den Westen zu. Wochenlang hat das Drama um das Schicksal der Botschaftsflüchtlinge in den Bonner Vertretungen von Prag und Warschau gedauert - begleitet von hektischen diplomatischen Bemühungen um eine "humanitäre Lösung". Die Ostberliner Führung unter dem 77jährigen wiedergenesenen Staatschef Erich Honecker gerät unter Zeitdruck, will das Flüchtlingsproblem vor den Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der DDR offenkundig unbedingt vom Tisch haben.

Es ist kurz vor 19 Uhr, als Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher und Kanzleramtsminister Rudolf Seiters hinaustreten auf den Balkon des Palais Lobkowicz, wo die Botschaft der Bundesrepublik in der CSSR residiert.

"Liebe Landsleute", beginnt Genscher sichtlich ergriffen, "wir sind gekommen, um Ihnen mitzuteilen, daß heute Ihre Ausreise ..." - und im selben Augenblick bricht ohrenbetäubender Jubel aus unter den 4.000 im dunklen, morastigen Botschaftsgarten zusammengepferchten DDR-Flüchtlingen. Sie wissen, daß sie es geschafft haben, raus können. Viele haben tagelang, manche wochenlang unter zuletzt menschenunwürdigen hygienischen Bedingungen zum Teil im Freien in Kälte und Regen ausgeharrt.

Genschers erlösende Botschaft geht unter im Freudentaumel, die DDR-Bürger stimmen euphorisch die bundesdeutsche Nationalhymne an, Sprechchöre werden laut: "Danke, Danke!" Dann wird gepackt - schon Stunden später fahren Züge der DDR-Reichsbahn von Prag aus ab Richtung Hof. Mit dabei auch Bürger, die sofort nach Bekanntwerden der frohen Botschaft in letzter Minute von der DDR nach Prag gerast sind.

Es wurde vereinbart, die Sonderzüge nachts fahren zu lassen, aber nicht auf direktem Weg nach Westdeutschland, sondern über das Gebiet der DDR, wo DDR-Beamte des Innenministeriums zusteigen sollen. Diese haben dann die Aufgabe, den DDR-Bürgern die Staatsbürgerschaft der DDR abzuerkennen und sie offiziell "auszuweisen".

Nahezu zeitgleich wird auch in Warschau gefeiert. Auch die dort in der Bonner Botschaft ausharrenden 800 DDR-Flüchtlinge dürfen ausreisen. "Jubel, Tränen und stumme Ergriffenheit", lauten anderntags die Schlagzeilen.

Sonntag, 1. Oktober 1989:
Um 6.14 Uhr fährt im bayerischen Hof der erste von insgesamt sechs Sonderzügen aus Prag ein. Die Flüchtlinge sind übermüdet, aber glücklich. Hunderte Menschen feiern ihre Ankunft begeistert auf den Bahnsteigen. Auf der Fahrt durch die DDR ist es in Dresden einigen DDR-Bürgern gelungen, auf die Sonderzüge aufzuspringen. Das Ostberliner Außenministerium bezeichnet die Ausreisegenehmigung für die Botschaftsbesetzer als "einmaligen humanitären Akt".

Nur wenige Stunden nach der Ausreise der Botschaftsflüchtlinge ist die Prager Botschaft der Bundesrepublik von der Miliz zunächst abgeriegelt worden. Doch schon bald erzwingen 300 DDR-Bürger erneut Einlaß ins Palais Lobkowicz.

Montag, 2. Oktober 1989:
Das Flüchtlingsdrama spitzt sich erneut zu: Keine zwei Tage nach Genschers Auftritt drängen sich schon wieder 2.200 DDR-Bürger auf dem Botschaftsgelände. Stündlich werden es mehr.

Wenige Tage vor den Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der DDR-Gründung gehen in Leipzig 25.000 Menschen zur traditionellen friedlichen Montagsdemonstration auf die Straße - fünfmal mehr als vor einer Woche. Die Mitbegründerin des Neuen Forums, die Malerin Bärbel Bohley, spricht von einer neuen Dimension des Widerstandes.

Und plötzlich müssen sich die Trabi-Flüchtlinge im Westen Fragen gefallen lassen, ob es nicht besser gewesen wäre, in der DDR zu bleiben, um dort den Umbau und Neuanfang mitzugestalten. Die Flüchtlinge werden wie Feiglinge angesehen...

Dienstag, 3. Oktober 1989:
Am Vormittag erfolgt ein wahrer Sturm auf die Prager Botschaft, die am Mittag wegen Überfüllung geschlossen wird. Hunderte überrennen die Absperrungen - sie riskieren alles für die "letzte Chance". Für sie gilt: "Jetzt oder nie". Schlimme Szenen in Prag: Die tschechoslowakische Polizei prügelt auf DDR-Bürger ein, die sich verzweifelt über den Zaun auf das Botschaftsgelände retten wollen, wo die Lage immer katastrophaler wird und kaum mehr beherrschbar ist. Am frühen Abend dann gibt Ostberlin überraschend grünes Licht für eine erneute Massenausreise nach dem Muster vom Wochenende zuvor. In Prag, so die Schlagzeilen, lassen "Glücksschreie das Chaos vergessen". Gleichzeitig jedoch gibt die DDR bekannt, den paß- und visafreien Verkehr mit der CSSR "mit sofortiger Wirkung auszusetzen". Erich Honecker hat ein Ventil geöffnet und das andere zugedreht.

Die Angehörigen der Betriebskampfgruppen-Hundertschaft "Hans Geifert" wenden sich mit einer Erklärung an die Öffentlichkeit. Darin heißt es: "Wir verurteilen, was gewissenlose Elemente seit einiger Zeit in der Stadt Leipzig veranstalten. Wir fühlen uns belästigt, wenn wir nach getaner Arbeit mit diesen Dingen konfrontiert werden. Wir sind bereit und willens, das von uns mit unserer Hände Arbeit Geschaffene wirksam zu schützen und diese konterrevolutionären Aktionen endgültig und wirksam zu unterbinden. Wenn es sein muß, mit der Waffe in der Hand."

Mittwoch, 4. Oktober 1989:
Doch es dauert, bis die ersten Flüchtlinge die Sonderzüge nach Hof dann endlich besteigen können. Tausende müssen die Nacht in Prag in eisiger Kälte im Freien verbringen. "Der Erich hat uns nochmal frieren lassen", sagen sie. Ostberlin entschuldigt die Verzögerung mit "technischen Problemen". Währenddessen werden die Bahnhöfe und Brücken entlang der Strecke, die die Sonderzüge auf der Fahrt durch die DDR nach Hof passieren, mit einem Großaufgebot an Militär und Volkspolizei abgeriegelt.

Mit fast 24stündiger Verspätung beginnt dann am frühen Abend in Prag die zweite Ausreise. Der erste Zug wird in Hof gegen Mitternacht erwartet. Doch er kommt nicht. Denn auf der Strecke in der DDR spielen sich dramatische Szenen ab. Tausende meist junger DDR-Bürger versammeln sich vor dem abgeriegelten Dresdner Hauptbahnhof. "Wir wollen raus", skandieren sie. Es kommt zu schweren Zusammenstößen mit der Polizei. Auch in Plauen demonstrieren mehrere Hundert Menschen, die von den Bahngleisen geprügelt werden. Überall an der Strecke stehen DDR-Bürger mit Kerzen in der Hand. Während der langen Nacht des ungewissen Wartens in Hof kursieren die abenteuerlichsten Gerüchte, die sich dann freilich nicht bestätigen: Gleise würden blockiert, die Züge würden gestürmt.

Vom 4. Oktober an kommt es in Dresden jeden Tag zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und Demonstranten. Es ist die blutigste Woche des bislang fast gewaltlosen Aufstandes in der DDR. In Dresden werden 1.300 Menschen verhaftet und in Polizeikasernen tagelang verhört, gedemüdigt und verprügelt.

Donnerstag, 5. Oktober 1989:
Um 5.49 Uhr dann Aufatmen: Der erste von insgesamt acht Sonderzügen aus Prag, seit vielen Stunden von Tausenden erwartet, fährt in Hof auf Gleis 8 ein. Binnen weniger Stunden kommen über 7.600 DDR-Flüchtlinge in Hof an - ursprünglich war mit 11.000 gerechnet worden. Ihre Züge hatten in der DDR zum Teil stundenlang Aufenthalt auf freier Strecke. Die Abteile waren von außen verschlossen. Die italienische Zeitung "La Stampa" kommentiert: "Die Flucht der Jugend ist ein Todesschlag für den Staat Ulbrichts und Honeckers."

Auch die erneut rund 600 Flüchtlinge in der Warschauer Botschaft der Bundesrepublik können an diesem Tag in einem Sonderzug in die Bundesrepublik ausreisen.

Ungebrochen ist nach wie vor der Flüchtlingsstrom über Ungarn und Österreich in die Bundesrepublik. Allein vom 4. auf den 5. Oktober nehmen 1.100 DDR-Bürger diesen Weg, den seit der Öffnung der ungarischen Grenze nach Österreich am 11. September schon 35.000 Menschen aus der DDR gewählt haben.

In der Bundesrepublik sind die Bundeswehrkasernen längst überfüllt, die Passauer Nibelungenhalle platzt aus den Nähten. So entstehen Zeltlager in Bayern, die kurz darauf im Morast des Herbstregens versinken. Die anfängliche Euphorie verfliegt, in den Zelten sinkt mit der Temperatur die Stimmung, denn die Abfertigung und weitere Verteilung der Flüchtlinge zieht sich hin. Es kommt zu ersten Reibereien.

Samstag, 7. Oktober 1989:
Die DDR feiert Geburtstag. Der wiedergenesene Staats- und Parteichef Erich Honecker führt der Weltöffentlichkeit und seinem Ehrengast aus Moskau, Michail Gorbatschow, eine heile DDR-Welt vor. Während jeder weiß, wie es hinter den Kulissen aussieht, spricht Honecker in überschwenglichen Worten von den großen Erfolgen des "real existierenden Sozialismus". Diese phrasenhafte Wiederholung alter Formeln läßt den Widerstand des Politbüros gegen den greisen DDR-Führer wachsen. In kaum verhüllter Form kritisiert auch Gorbatschow die Halsstarrigkeit der SED-Führung. Eine Moralpredigt, die in dem Satz gipfelt: "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben."

Am Abend kommt es in Ostberlin zu spontanen Demonstrationen gegen das SED-Regime, die auch die noch allgegenwärtige Staatssicherheit nicht verhindern kann. Das Neue Forum und andere Oppositionsgruppen erhalten mehr und mehr Zulauf.

Die Sozialdemokratische Partei (SDP) wird gegründet. Geschäftsführer ist der Berliner Historiker Ibrahim Böhme. Sie wird erst später in "SPD" umgetauft.

Sonntag, 8. Oktober 1989:
Erneut haben sich in den letzten drei Tagen 300 Flüchtlinge in die Obhut der Bonner Mission in Warschau begeben - und es werden immer mehr, obwohl in der DDR Reisegenehmigungen nach Polen kaum noch erteilt werden.

Einen Tag nach dem 40. Jahrestag der Staatsgründung der DDR beteiligen sich in mehreren Städten der DDR wieder mehrere tausend Menschen an Demonstrationen. Viele von ihnen werden festgenommen.

Montag, 9. Oktober 1989:
In Leipzig kommt es zur größten SED-feindlichen Demonstration in der Geschichte der DDR. 70.000 Menschen legen den Verkehr lahm und gehen auf die Straße mit dem Ruf auf den Lippen "Wir sind das Volk". Es geht jetzt nicht mehr nur um Reisefreiheit, jetzt geht es um tiefe politische Veränderungen in der DDR. Ein Massenaufgebot von Polizei und Armee bereitet sich darauf vor, die gigantische Demonstration aufzulösen. Erich Honecker befiehlt, Gewalt einzusetzen. Daraufhin wird scharfe Munition an die Sicherheitskräfte ausgegeben und in den Leipziger Krankenhäusern werden Blutkonserven bereitgelegt. Aber Honeckers Befehl wird nicht ausgeführt. Der Kapellmeister des Leipziger Gewandhausorchesters, Kurt Masur, verhindert durch Absprachen mit der SED-Bezirksleitung und dem jüngsten Politbüro-Mitglied Egon Krenz blutige Zusammenstöße zwischen Polizei und Demonstranten. Das Militär bleibt in den Kasernen und die Massendemonstration bleibt friedlich.

Montag, 16. Oktober 1989:
In der "Heldenstadt" Leipzig demonstrieren mehr als 120.000 Menschen: "Wir sind das Volk!"

Mittwoch, 18. Oktober 1989:
Das Zentralkomitee der SED entbindet Erich Honecker von allen Funktionen in Partei und Staat. Auch Wirtschaftsexperte Günter Mittag und der Ostberliner Propagandist Joachim Herrmann werden abgelöst. Der neue SED-Chef Egon Krenz verspricht die "Wende".

Sonntag, 22. Oktober 1989:
Aus der Sowjetunion wird erstmals Kritik an der abgetretenen DDR-Führung unter Honecker laut.

Montag, 23. Oktober 1989:
Bei der Massendemonstration in Leipzig fordert man "Unbekrenzte Demokratie".

20.000 Demonstranten fordern in Ostberlin erstmals öffentlich den Abriß der Mauer.

Dienstag, 24. Oktober 1989:
SED-Chef Egon Krenz wird von der DDR-Volkskammer zum Staatsoberhaupt der DDR gewählt. Es gibt erstmals Gegenstimmen und Enthaltungen. Der LDPD-Vorsitzende Gerlach macht, entgegen der Tradition der Einheit unter den Blockparteien, Ansprüche auf den Posten des Staatsratsvorsitzenden geltend.

Donnerstag, 26. Oktober 1989:
Bundeskanzler Helmut Kohl und der neue DDR-Staatsratsvorsitzende Egon Krenz nehmen telefonisch persönlichen Kontakt auf.

Das Politbüromitglied Günter Schabowski trifft Vertreter des "Neuen Forums" - der erste Kontakt zwischen Regierung und Opposition.

Freitag, 27. Oktober 1989:
Die DDR kündigt umfassende Amnestie für alle DDR-Flüchtlinge und Demonstrationsteilnehmer an.

Seit Öffnung der ungarisch-österreichischen Grenze am 11. September kamen 50.000 DDR-Bürger über Ungarn und Österreich in den Westen.

Oktober 1989:
Das Volk demonstriert. Das Volk läuft davon. Und die SED-Führung unter dem Honecker-Nachfolger Egon Krenz sitzt in einem sinkenden Schiff. Nahezu täglich präsentieren die alten Herren mit dem Rücken zur Wand neue Reformvorschläge - Rettungsanker, die nicht mehr greifen. Der Druck auf die SED-Führung wird immer gewaltiger, übermächtiger.

Wendehals Krenz und Genossen können die friedliche Revolution längst nicht mehr kontrollieren. Jetzt müssen Regierung und Politbüro sogar Kritik von seiten der DDR-Medien einstecken, die sich mehr und mehr von der jahrzehntelang zelebrierten Obrigkeitshörigkeit und Schönfärberei distanzieren.

Mittwoch, 1. November 1989:
Die neue DDR-Führung führt wieder den visafreien Verkehr zur Tschechoslowakei ein.

Freitag, 3. November 1989:
Protest gegen die herrschenden Zustände und Mißtrauen gegen den von Krenz beschworenen Willen zu Reformen drücken auch weiterhin Tausende von DDR-Bürgern durch Flucht in den Westen aus - getreu der Demonstrationsparole: "Eure Politik war und ist zum Davonlaufen."

In den Abendstunden des 3. November muß die Ostberliner Führung ein weiteres Tor in die Bundesrepublik öffnen. Sie erlaubt ihren Bürgern, ohne Formalitäten die Tschechoslowakei Richtung Westen zu verlassen - was einen weiteren Massenexodus auslöst.

Nicht nur die mittlerweile wieder 6.000 in der Prager Botschaft der Bundesrepublik zusammengepferchten Flüchtlinge können ausreisen. Auch alle DDR-Bürger, die sich in der CSSR aufhalten, können in den Westen.

Samstag, 4. November 1989:
Der friedliche Volksaufstand erreicht seinen Höhepunkt: Ostberlin erlebt die größte nicht vom Staat gelenkte Demonstration in der Geschichte des "Arbeiter-und-Bauern-Staates". Fast eine Million Menschen ziehen an diesem feucht-kalten Samstag durch die Straßen der "Hauptstadt der DDR". Witzige, bissige Parolen zeugen von der Entschlossenheit und dem neuen Selbstbewußtsein der Bürger. "Macht die Volkskammer zum Krenz-Kontrollpunkt", fordern sie, eine "Radikale Wende ohne Ende" und "Ohne Visa von Berlin nach Pisa". Spätestens seit diesem Samstag, schreiben die Zeitungen, "ist die DDR nicht mehr wie früher". Der Ostberliner SED-Bezirkschef Günter Schabowski wird niedergebrüllt und ausgelacht, als er zur Menge sprechen will. Die führende Rolle der Partei steht zur Disposition. Das DDR-Fernsehen überträgt live.

Die Staatssicherheit führt penibel Buch: Sie zählte allein in der vergangenen Woche 210 "demonstrative Handlungen".

Mehr als 5.000 Flüchtlinge strömen in Sonderzügen, Bussen und Privatautos via CSSR nach Bayern.

Das DDR-Innenministerium bekräftigt nochmals, daß Ausreisewillige sich mit ihrem Begehren besser an die zuständigen Dienststellen in der DDR wenden sollten. Das wäre vorteilhafter für die betreffenden Bürger.

Sonntag, 5. November 1989:
Die Massenausreise der DDR-Bürger hält an. Weit mehr als 10.000 nutzen bis zum Abend den neu eröffneten Weg über die Tschechoslowakei. Die meisten DDR-Bürger kommen mit der Bahn aus Prag. Etwa 50 Privatwagen werden pro Stunde am Grenzübergang Schirnding rund um die Uhr abgefertigt. Die meisten Menschen haben begriffen, daß eine Ausreise über die Prager bundesdeutsche Botschaft nicht mehr erforderlich ist. Der Fünf-Kilometer-Stau vom frühen Sonntagmorgen hat sich Dank der zügigen Abfertigung durch die CSSR-Kontrollen bis zum Nachmittag aufgelöst. Der Weg über Pomezi ist die kürzeste Transitstrecke durch die CSSR. Bei fliegenden Händlern wird das letzte nicht konvertierbare Geld in Wegzehrung eingetauscht. Die endgültige Reise ist für die meisten ein spontaner Entschluß - trotz aller Reformen. Viele lassen sich von Freunden oder Verwandten bis kurz vor die Grenze fahren und gehen den Rest zu Fuß. Einige glauben sogar, durch den unkomplizierten Grenzübertritt die Gelegenheit für einen deutsch-deutschen Kurzbesuch zu haben.

Der Vizekonsul der Prager DDR-Botschaft erklärt, es handele sich bei der Ausreiseerlaubnis über die CSSR um eine vorübergehende Regelung bis zum Inkrafttreten eines Reisegesetzes.

Als bedrückend bezeichnet es die evangelische Kirche der Bundesrepublik, daß immer mehr Menschen die DDR verlassen. Auf der Synode in Bad Krotzingen bei Freiburg sagt der Ratsvorsitzende Kruse, der Verlust sei überall in der DDR zu spüren.

Das Bundesinnenministerium in Bonn teilt mit, daß für alle Neuankömmlinge genügend Erstaufnahmeplätze zur Verfügung gestellt würden. Es gäbe inzwischen 25 Einrichtungen und bei Bedarf würden kurzfristig neue Plätze geschaffen.

Der FDP-Vorsitzende Graf Lambsdorff empfiehlt der DDR-Führung, die Mauer abzureißen und damit das Symbol des Eingesperrtseins zu beseitigen. Besser könne sie die Glaubwürdigkeit nicht wiederherstellen.

Der DDR-Kulturminister Hoffmann hat sich für den Rücktritt des gesamten Politbüros ausgesprochen.

Montag, 6. November 1989:
Die DDR-Zeitungen veröffentlichen heute den Entwurf zum neuen Reisegesetz auf ihren Titelseiten. Danach sollen DDR-Bürger zukünftig ins Ausland reisen können - aber nur für 30 Tage im Jahr. Noch vor Weihnachten soll die Vorlage von der Volkskammer verabschiedet werden. Spätestens dann können DDR-Bürger erstmals rechtmäßig einen Paß und ein Visum bei den Meldestellen der Volkspolizei beantragen. Die Bearbeitungsfrist für die Anträge soll maximal 30 Tage betragen. Außerdem entfällt der bisherige Straftatbestand der Republikflucht.

Unterdessen hält die Ausreise von DDR-Bürgern über die CSSR unvermindert an. Von Samstag bis heute um 12 Uhr sind 23.200 Bürger in die Bundesrepublik ausgereist. Auf CSSR-Seite erfolgt die Abfertigung flüssig und problemlos. Die Botschaft in Prag ist fast geleert, während in der Bundesrepublik inzwischen 51 Notaufnahmelager bis auf den letzten Platz gefüllt sind. Die Aufnahme-Kapazität in der Bundesrepublik scheint erschöpft zu sein.

Für die meisten Übersiedler in den Notaufnahmelagern ist das erste Ziel: So schnell wie möglich Arbeit finden. Die Wirtschaft im Westen hofft auch, ihren bestehenden Fachkräftemangel mit Übersiedlern abbauen zu können. Und so werden die Neuankömmlinge auch gleich umworben: Die Straße vom Bahnhof Gießen zum Notaufnahmelager ist eine Allee mit Arbeitsplatzangeboten aus der ganzen Bundesrepublik. Die Hoffnungen der Wirtschaft erfüllen sich aber nicht generell. Nutznießer sind vor allem Großbetriebe in Ballungszentren. Hierher locken nicht bloß gute finanzielle Angebote, sondern vor allem der Lebensraum "Stadt".

Auch nach der Veröffentlichung des neuen Reisegesetzes kommt es am Abend wieder zu Massenprotesten. Trotz strömenden Regens gehen in Leipzig etwa 300.000 zur Montagsdemonstration und fordern "Reisefreiheit ohne Einschränkung", freie Wahlen und die Veränderung des Artikels 1, das heißt des Artikels in der DDR-Verfassung, in dem der Führungsanspruch der SED festgeschrieben wird. "Wir sind das Volk" und "Wir bleiben hier" skandiert die Menschenmenge. Nach Einschätzung aus Kirchenkreisen ist die Stimmung aggressiver als sonst. Demonstrationen werden am Abend auch aus mindestens fünf weiteren großen DDR-Städten gemeldet. An der Demonstration in Dresden nehmen auch der dortige SED-Chef Hans Modrow und der Oberbürgermeister Wolfgang Berghofer teil.

Dienstag, 7. November 1989:
Am Dienstag früh um 1.30 Uhr tritt in Schirnding das ein, was der Bundesgrenzschutz seit Beginn der neuen Fluchtwelle am Freitag vergangener Woche befürchtete: Rotlicht für die Ladas, Trabis und Wartburgs. Die Beamten wissen nicht mehr, wohin sie die DDR-Flüchtlinge - darunter wieder viele junge Familien - schicken sollen. Die Fahrzeuge werden deshalb auf der deutschen Seite des Übergangs zurückgehalten. Trotzdem scheinen Euphorie und Optimismus unter den Übersiedlern ungebrochen. In der Folge staut sich eine Kolonne von mehr als 500 Fahrzeugen bis weit auf tschechoslowakisches Gebiet. Erst gegen drei Uhr früh gibt der Bundesgrenzschutz für die DDR-Flüchtlinge wieder das Signal "freie Fahrt".

Im Laufe des Tages nimmt der Strom der DDR-Bürger über die Tschechoslowakei in die Bundesrepublik weiter zu. In den letzten 24 Stunden sind über 10.000 Übersiedler ins Land gekommen. Ihre Gesamtzahl seit Öffnung der Grenze am Freitag wird auf über 35.000 geschätzt. Die Situation in den rund 60 bayerischen Durchgangs- und Aufnahmelagern ist angespannt. Die Kapazitäten sind voll ausgeschöpft. So werden dann auch die 1.200 Übersiedler, die mit einem Sonderzug aus Prag kommen, gleich nach Hessen weitergeleitet.

Am Abend versammeln sich 5.000 Demonstranten vor dem Gebäude des Zentralkomitees der SED in Ostberlin. Im Gebäude tagt das Politbüro, das wahre Machtzentrum der DDR. "Alle Macht dem Volke, nicht der SED", rufen die Demonstranten. Egon Krenz hat viele Zugeständnisse gemacht um Vertrauen für seine neue Politik zu finden und damit die SED zu retten. Aber es sieht schlecht aus. Der Rücktritt der gesamten DDR-Regierung wird nicht mehr ausgeschlossen.

Am späten Abend erklärt dann tatsächlich der gesamte Ministerrat mit Ministerpräsident Stoph an der Spitze seinen Rücktritt.

Mittwoch, 8. November 1989:
Um zehn Uhr setzt das ZK der SED seine dreitägige Krisensitzung fort. Zu Beginn der Tagung des ZK schlägt Generalsekretär Egon Krenz den Rücktritt des Politbüros vor. Das Plenum nimmt diesen Vorschlag einstimmig an.

Die Entwicklung in der DDR ist Hauptthema im Bundestag. Bundeskanzler Helmut Kohl gibt den Bericht zur Lage der Nation.

Am Nachmittag versammeln sich vor dem Gebäude des Zentralkomitees der SED plötzlich mehrere Tausend Parteimitglieder der SED. Ihre Forderungen tragen sie auf Plakaten mit sich: "SED in die Offensive", "SED für das Volk", "Wende ohne Umkehr" und "Erneuerung der SED".

Dann wird der Dresdner SED-Bezirkschef Hans Modrow zum neuen Regierungschef und Vorsitzenden des Ministerrats gekürt. Er gilt als aufgeschlossen und als ein selbstbewußter und differenzierter Denker, kein Betonkopf jedenfalls. Er gilt als Symbol einer veränderten SED und einer neuen DDR.

Am Abend richtet die Schriftstellerin Christa Wolf im DDR-Fernsehen einen dringenden Appell an ihre Mitbürger, um sie zum Bleiben zu bewegen, doch der Flüchtlingsstrom reißt nicht ab.

Donnerstag, 9. November 1989:
Es verspricht nicht gerade ein aufregender Abend zu werden - geschweige denn ein historischer. Denn das, was SED-Politbüromitglied Günter Schabowski da im Internationalen Pressezentrum in der Ostberliner Mohrenstraße nach einer Sitzung des Zentralkomitees von sich gibt, sind eher weitschweifige Verlautbarungen über die Möglichkeit einer SED-Parteikonferenz und neue Wege in der Medienpolitik.

Um 18.57 Uhr - die dahinplätschernde Pressekonferenz ist fast zu Ende - erwähnt Schabowski, man wisse um das "Bedürfnis der Bevölkerung", zu reisen oder die DDR zu verlassen. Ein neues Reisegesetz sei soweit fertig, was die Journalisten ja wohl wüßten. Dann kramt er umständlich einen Zettel aus seiner Tasche und nuschelt fahrig ins Mikrofon: "Also... Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen - Reiseanlässen und Verwandtschaftsverhältnissen - beantragt werden... VP-Kreisämter in der DDR sind angewiesen, Visa zur ständigen Ausreise unverzüglich zu erteilen... ständige Ausreisen können über alle Übergangsstellen der DDR zur BRD erfolgen."

Ein Reporter hakt nach: Gelte das auch für Westberlin? Schabowski bejaht. Nächste Frage: "Ab wann?" Schabowski stottert: "Das tritt... nach meiner Kenntnis - ist das sofort, unverzüglich."

Das ist die Sensation. Sie trifft Journalisten, Politiker und die Bürger daheim in den Wohnzimmern in Ost und West völlig unvorbereitet. Gleichwohl bleibt zunächst reichlich unklar, welchen Sinn Schabowskis spröde Zettelsprüche machen, was sie konkret bedeuten. Bald verkürzt sich alles nur noch auf die Formel: "Die Grenzen sind auf." Und so wird die Lawine losgetreten, die wenige Stunden später die Mauer einreißen sollte, was so von der SED nicht vorgesehen war.

Reicht der Personalausweis? Kann man sofort rüber? Darf man auch wieder zurück? Ungläubiges Staunen, Verunsicherung. Die Menschen können zunächst nicht glauben, was dann in diesen Stunden wahr wird: An jenem regnerisch-dunklen Novemberabend verwandelt sich der Platz um das Brandenburger Tor in ein Tanzparkett für Gesamtberliner Freudentänze.

Das lähmende Erstaunen weicht bald einem tausendfachen Entschluß: Auf zur Mauer, auf zur Grenze. Ganze Kolonnen von Trabis bewegen sich in einer Art Sternfahrt zu den Berliner Sektorenübergängen. Die offenkundig völlig unvorbereiteten Grenzsoldaten bleiben zunächst stur. Ohne Visum von der Volkspolizei gehe nichts. Doch die Leute lassen sich nicht verscheuchen, halten trotzig ihre blauen Personalausweise in die Höhe. Sie bleiben, die Menge wächst und drängt und fordert: "Macht das Tor auf."

Nicht nur an der Berliner Mauer - auch an der innerdeutschen Grenze stehen die DDR-Bürger in den Startlöchern. Die Nachricht, die Grenzen würden aufgemacht, verbreitet sich wie ein Lauffeuer.

Schließlich geben die Grenzsoldaten angesichts der anstürmenden Massen nach. Die Lage ist außer Kontrolle, das Volksfest ist eröffnet. Zunächst gibt es noch flüchtige, fast hilflos wirkende Ausweiskontrollen - bis die Grenzposten nach und nach kapitulieren müssen und die Mauer nach beiden Richtungen ohne amtliche Hürden durchlässig wird. Die Schlagbäume gehen hoch, die Grenzposten ziehen sich zurück.

Als die Nachricht um 20.30 Uhr den Bonner Bundestag erreicht, der sich an diesem Abend gerade mit dem Vereinsförderungsgesetz befaßt, ändert sich die Tagesordnung. Der CSU-Bundestagsabgeordnete Karl-Heinz Spilker verliest im Bundestag die Meldung, daß von sofort an die DDR-Bürger über alle Grenzstellen zwischen der DDR und der Bundesrepublik ausreisen können. Ein historischer Augenblick im Plenum des deutschen Bundestages: Die laufende Debatte wird nicht nur unterbrochen - nein - die ganze Tagesordnung wird gekippt. Gedrängt vor den Monitoren in der Lobby lassen sich die Abgeordneten die unglaubliche Meldung noch einmal bestätigen. Und dann, spontan und ganz ohne Regieanweisung erheben sich die Bundestagsabgeordneten und stimmen sichtlich bewegt die Nationalhymne an. Nur die Grünen bleiben sitzen - und stumm.

Die Berliner tanzen auf der Mauer am Brandenburger Tor, die ersten Mauerspechte packen Hammer und Meißel aus. Tausende von Trabis kurven mit einem ohrenbetäubenden Hupkonzert über den Kurfürstendamm, Sekt und Tränen fließen in Strömen, wildfremde Menschen fallen sich um den Hals, Wirte schmeißen Lokalrunden, Taxifahrer chauffieren Ostberliner zum Nulltarif. Berlin ist aus dem Häuschen, Berlin ist wieder eins.

"Ich glaube es nicht", ruft eine Frau und weint. Ein Ostberliner schreit: "Das ist das größte Ereignis der letzten Jahrhunderte." Die Ordnungshüter kapitulieren: "Hüben und drüben alles knackevoll. Wir als Polizei können derzeit nicht viel ausrichten." Berlin schwelgt im Ausnahmezustand. Alle wollen dabeisein, die unverhoffte Freiheit der Grenzgänger genießen - wenn es sein muß mit dem Schlafanzug unterm Mantel.

Freitag, 10. November 1989:
Auf der Mauer vor dem Brandenburger Tor treffen sich am Morgen Tausende Ost- und Westberliner. Auf dem Bauwerk des Unglücks blüht nun das Glück. Und wieder schauen die Völker der Welt auf diese Stadt.

Berlins Regierender Bürgermeister Walter Momper sagt in Bonn in seiner Antrittsrede als neuer Präsident des Bundesrates: "Ich habe heute nacht nicht geschlafen - und viele von Ihnen sicher auch nicht. Wer diese Nacht in Berlin erlebt oder diese Nacht am Fernsehschirm verfolgt hat, der wird die Nacht zum 10. November nie vergessen. Gestern Nacht war das deutsche Volk das glücklichste Volk der Welt."

Der Tag nach der Öffnung von Mauer und Grenze ist der erste Tag des Wiedersehens. Die Deutschen aus dem Osten strömen zu Hunderttausenden in den Westen, zu Fuß, per Rad, mit Auto und Bahn. An Grenze und Mauer werden Volksfeste mit Kaffee, Cola und Sekt gefeiert, auf den Brücken der Autobahn Berlin-Hamburg begrüßen Bundesbürger die Trabi-Kolonne mit Kerzen und Transparenten. In Westberlin werden die Mauer-Übergänge Bernauer Straße und Glienicker Brücke geöffnet. Amerikas Botschafter in der Bundesrepublik Deutschland, Vernon Walters, sagt: "Ich habe noch nie so viele Männer weinen sehen."

Bei einer Massenkundgebung der SED am Lustgarten will Egon Krenz immer noch nicht wahrhaben, daß das SED-Regime am Ende ist: "SED - das ist Sozialismus, das ist Ehrlichkeit, das ist Demokratie."

Montag, 13. November 1989:
Der als Reformer geltende SED-Politiker Hans Modrow wird neuer DDR-Ministerpräsident. Die SED hat in der Regierung aber weiterhin die Mehrheit.

Bei den Protestdemonstrationen werden die Parolen "Wir sind ein Volk" und "Deutschland einig Vaterland" immer hörbarer.

Dienstag, 14. November 1989:
Der senile und verhaßte Stasi-Chef Mielke, 81, weint, als er bei seinem letzten öffentlichen Auftritt in der Volkskammer stammelt: "Ich liebe Euch doch alle..."

Der neue Sekretär für Medien, Günter Schabowski, veranlaßt die Aufhebung der Pressezensur. Daraufhin häufen sich Berichte über Machtmißbrauch und Korruption.

Freitag, 17. November 1989:
In der ersten Woche nach Öffnung der Grenze strömen neun Millionen DDR-Bürger durch die Löcher im Eisernen Vorhang und in der Mauer, besuchen die Bundesrepublik und Westberlin. Es ist eine der größten Völkerwanderungen der Geschichte. Der Schießbefehl wird aufgehoben.

DDR-Ministerpräsident Hans Modrow schlägt der Bundesrepublik vorsichtig eine "umfassende Vertragsgemeinschaft" vor.

Donnerstag, 23. November 1989:
Der Ministerrat beschließt die Einführung von Zollkontrollen, damit die DDR nicht leergekauft werde, aber der Schwarzmarkt blüht weiterhin.

Gegen Erich Honecker wird ein Parteiverfahren eingeleitet.

Dienstag, 28. November 1989:
Bundeskanzler Helmut Kohl stellt im Bundestag ein Zehn-Punkte-Programm "zur Wiedergewinnung der staatlichen Einheit Deutschlands" vor, das in zehn Schritten irgendwann einmal zu einer Föderation führen soll, also zu einer bundesstaatlichen Ordnung. Dabei soll der deutsch-deutsche Prozeß in die Entwicklung Europas eingebunden werden. Auf viele Bundesdeutsche wirkt das Ende November noch überstürzt. Und Moskau lehnt den Plan schlichtweg ab.

Berlins SPD-Bürgermeister Walter Momper erzürnt die Initiative des Kanzlers: "Herr Kohl hat offenbar nicht begriffen, daß die Menschen in der DDR nicht die Wiedervereinigung interessiert, sondern ein freies Europa mit offenen Grenzen."

Freitag, 1. Dezember 1989:
Die DDR-Volkskammer streicht den Führungsanspruch der SED aus der Verfassung.

Sonntag, 3. Dezember 1989:
Bei einem Gipfeltreffen zwischen Michail Gorbatschow und dem US-Präsidenten George Bush in Malta erklärt der sowjetische Staatspräsident, ein Abrücken von der Zweistaatlichkeit Deutschlands berge Gefahren für die politische Stabilität in Europa. Bush erwiderte darauf, er erwarte die Einigung Deutschlands als Ergebnis eines Prozesses, den man von außen nicht beschleunigen dürfe.

Montag, 4. Dezember 1989:
Zentralkomitee und Politbüro der SED treten zurück. Honecker und andere Ex-Minister werden aus der Partei ausgeschlossen.

In Leipzig Demonstration wie jeden Montag. Die demokratische Revolution geht weiter. Inzwischen ist schwarz-rot-gold die vorherrschende Farbe. Die Massen skandieren immer lauter "Deutschland einig Vaterland". Es ist nicht mehr zu übersehen, daß die Menschen in der DDR die Wiedervereinigung wollen - sofort.

Mittwoch, 6. Dezember 1989:
Egon Krenz legt seine Staatsämter nieder. Der LDPD-Vorsitzende Manfred Gerlach wird neuer Staatsratsvorsitzender. Der Nationale Verteidigungsrat wird aufgelöst.

Donnerstag, 7. Dezember 1989:
In der DDR wird unter dem Patronat der Kirchen der "Runde Tisch" einberufen; die Opposition wirkt durch ihn offiziell an der Gesetzgebung mit. Die Bürgerrechtler wollen dabei soviel DDR-Identität wie möglich in die Zukunft hinüberretten. In Verhandlungen einigen sich SED, Blockparteien und die Oppositionsgruppen auf freie Wahlen in der DDR am 6. Mai 1990.

Freitag, 8. Dezember 1989:
Gegen Erich Honecker werden Ermittlungen wegen Amtsmißbrauchs und Korruption aufgenommen.

Sonntag, 10. Dezember 1989:
Ein Sonderparteitag der SED wählt Gregor Gysi zum Vorsitzenden der Partei, die sich nun SED-"Partei des demokratischen Sozialismus" (SED-PDS) nennt.

Massenaustritte aus der SED-PDS dezimieren die Partei. Auf dem Höhepunkt ihrer Macht hatte die SED 2,3 Millionen Mitglieder, verfügte über ein Milliardenvermögen und ein gigantisches Firmen-Imperium. Sie besetzte die Schlüsselpositionen in Staat und Gesellschaft. Bei der letzten Volkskammer-Wahl vor der Wende errang sie offiziell 99 Prozent der Stimmen.

Dezember 1989:
Die vier Siegermächte des Zweiten Weltkrieges treffen sich im alten Kontrollratsgebäude in Berlin, um die Verhandlungen über Deutschlands Einheit wieder aufzunehmen. 1948 waren sie hier ergebnislos abgebrochen worden. Die endgültige Anerkennung der polnischen Westgrenze und die Bündniszugehörigkeit des vereinten Deutschlands sind die strittigsten Fragen.

Samstag, 16. Dezember 1989:
Bei einem Sonderparteitag der Ost-CDU wird Lothar de Maizière zum Parteivorsitzenden gewählt und ein Bekenntnis zur sozialen Marktwirtschaft und zur deutschen Einheit abgegeben.

Dienstag, 19. Dezember 1989:
Bundeskanzler Helmut Kohl trifft in Dresden den DDR-Ministerpräsidenten Hans Modrow. Abends treten sie zusammen vor die Trümmer von Dresdens Frauenkirche. 50.000 fahnenschwenkende DDR-Bürger rufen in der gespenstisch wirkenden Kulisse: "Helmut und Hans, macht Deutschland ganz." Der Kanzler verspricht ihnen: "Mein Ziel bleibt die Einheit unserer Nation." Seine Augen schimmern feucht. Kohl und Modrow verständigen sich darauf, daß beide deutsche Staaten eine Vertragsgemeinschaft bilden sollen.

Freitag, 22. Dezember 1989:
Am Brandenburger Tor wird ein Grenzübergang für Fußgänger eingerichtet.

Sonntag, 24. Dezember 1989:
Für Westdeutsche ist ab sofort der visafreie Reiseverkehr in die DDR möglich.

Sonntag, 31. Dezember 1989:
Eine halbe Million Deutsche aus Ost und West feiern am Brandenburger Tor zusammen Silvester.

Januar 1990:
Die erste Euphorie der neuen Freiheit ist verflogen. Die Krise in der DDR verschärft sich. Die Staatsautorität zerfällt, die Versorgung wird kritisch. Bei den DDR-Bürgern schwindet die Hoffnung, die SED-PDS-Regierung könnte die alten Strukturen zerbrechen. Die Ausreisewelle in die Bundesrepublik schwillt erneut an, bis zu 3.000 Menschen am Tag.

Der reale Sozialismus, der vierzig Jahre lang in der DDR glorifiziert wurde, zeigt jeden Tag eine häßlichere Fratze: Jeden Tag erfahren die DDR-Bürger neue Details aus dem Leben ihrer SED-Führer: Champagner und Kaviar satt, Villen in Wandlitz, Volvo mit Fahrer, Jagdhäuser in Naturschutzgebieten, eine Feriensiedlung auf der für normale DDR-Bürger gesperrten Ostsee-Insel Vilm bei Rügen - und für das Volk gab es nicht einmal Bananen.

Auch die Sünden des Stalinismus treten nun zutage: In der Nähe von früheren sowjetischen Internierungslagern werden Massengräber mit mehr als 10.000 Leichen von Deutschen entdeckt. Deutsche Helfer mit Offizieren der Roten Armee in der SBZ hatten ihre Mitbürger nach Kriegsende als Nazis oder Kriegsverbrecher abgeführt. Es waren aber auch unbequem gewordene Sozialdemokraten und ehemalige KZ-Insassen dabei.

Der Volkszorn richtet sich aber in erster Linie gegen den verhaßten Staatssicherheitsdienst: Die Stasi verfügte über 86.000 Mitarbeiter und mehr als 500.000 Spitzel. Etwa jeder 30. der 16 Millionen DDR-Bürger arbeitete für den Geheimdienst. Er rekrutierte Kinder ab 14 Jahren zur Überwachung ihrer Eltern. Über sechs Millionen Bürger wurden Akten angelegt. Die Stasi gewährte westdeutschen Terroristen wie Susanne Albrecht und Inge Viett Unterschlupf und versah sie mit neuer Identität; sieben von ihnen werden 1990 in der DDR verhaftet. Mehrere Regimegegner, Geschäftspartner und Republikflüchtlinge, wie der Fußball-Nationalspieler Lutz Eigendorf, sollen von der Stasi im Westen ermordet worden sein. Dissidenten wurden in der Nervenklinik Waldheim gefoltert, von der Stasi Ermordete im Krematorium Dresden verbrannt. Internierungslager für Regimegegner waren für die nächste Zukunft geplant.

Die sogenannten "Zwei-plus-vier-Gespräche" werden auf den Weg gebracht. Dabei wird zwischen den beiden deutschen Staaten und den vier Siegermächten USA, Sowjetunion, England und Frankreich über "die äußeren Aspekte der Herstellung der Einheit einschließlich der Fragen der Sicherheit der Nachbarstaaten" verhandelt, denn noch fehlt der offizielle Segen der Sieger. Sie hatten den geschlagenen Deutschen nach Ende des Zweiten Weltkrieges Friedensvertrag und Souveränität verweigert.

Montag, 15. Januar 1990: Der immer mehr gesteigerte Volkszorn bricht sich am Abend Bahn: Mit dem Ruf "Jetzt kommt das Volk" stürmen Zehntausende die Stasi-Zentrale im Ostberliner Stadtteil Lichtenberg. Die Stasi ist vorbereitet. Tausende von Akten sind verschwunden.

Montag, 29. Januar 1990:
Nach einem Vorschlag von Ministerpräsident Modrow einigt sich die Volkskammer darauf, die ersten freien Wahlen, die ursprünglich für den 6. Mai vorgesehen waren, auf den 18. März vorzuziehen.

Dies wird fortan zum unverwechselbaren Brandzeichen des deutsch-deutschen Jahres: Das Tempo der Entwicklung nimmt ständig zu, die Ereignisse überholen alle Planungen, die Termine purzeln wie Domino-Steine. Erst im Dezember sagte Kohl: "Der Weg zur Wiedervereinigung braucht noch lange Zeiträume." Jetzt, im Januar, nennt Berlins CDU-Chef Diepgen 1995.

Montag, 5. Februar 1990:
Modrow bildet sein Kabinett durch Aufnahme von acht Nicht-Genossen des Runden Tisches zu einer "Regierung der nationalen Verantwortung" um.

Februar 1990: Nur der Weg in die Einheit, das wird überdeutlich, kann die DDR aus der Krise führen. US-Präsident George Bush ist der erste, der Kohl dabei rückhaltlos unterstützt - und von Kohl deshalb als "Glücksfall für uns" bezeichnet wird. Dann zeigt auch Frankreichs Staatspräsident Mitterand Verständnis für die Deutschen. Und nach langem Zögern gibt sogar Englands Eiserne Lady Margaret Thatcher ihre Vorbehalte auf.

Samstag, 10. Februar 1990:
Bundeskanzler Helmut Kohl macht eine Blitzvisite bei Staatspräsident Gorbatschow in Moskau. Gutgelaunt verkündet er noch in Moskau über das Fernsehen: "Generalsekretär Gorbatschow und ich stimmen darin überein, daß es das alleinige Recht des deutschen Volkes ist, die Entscheidung zu treffen, ob es in einem Staat leben will."

"Operation Einheit" hebt ab, der Kanzler segelt im Aufwind.

Dienstag, 13. Februar 1990:
Ministerpräsident Hans Modrow besucht die Bundesrepublik. Dabei lehnt er die schnelle Verwirklichung einer Währungsunion ab. Seine Forderung nach einer Soforthilfe von 15 Milliarden D-Mark für sein desolates Regime wird nicht erfüllt.

Modrow beklagt sich bei Willy Brandt über die "herablassende Überheblichkeit" des Kanzlers. Müde, fahl und enttäuscht kehrt er nach Ostberlin zurück. Für Kohl ist Modrows Regierung, so verrät CSU-Chef Theo Waigel, nur noch eine "Übergangsregierung ohne Handlungsspielraum".

Sonntag, 25. Februar 1990:
US-Präsident George Bush versichert Bundeskanzler Helmut Kohl, daß sein Land die deutsche Einigung unterstütze. Dabei solle ein vereintes Deutschland der NATO angehören.

März 1990:
Der Wahlkampf mit Cola und Kaffee veranschaulicht, wieviel der Osten schon vom Westen gelernt hat. Die Lauten führen das Wort. Es gibt zerstochene Autoreifen, abgerissene Wahlplakate, Morddrohungen gegen Kandidaten, Schlammschlachten. Der Vorsitzende des Demokratischen Aufbruchs, Wolfgang Schnur, wird beschuldigt, Stasi-Spitzel gewesen zu sein (wie später auch SPD-Chef Ibrahim Böhme und CDU-Chef Lothar de Maizière) und tritt zurück.

Aus den Leitfiguren der friedlichen Revolution wie Jens Reich, Rolf Henrich oder Bärbel Bohley sind längst Randfiguren geworden. Stattdessen greifen Bonner Politiker massiv in den Wahlkampf ein. In Erfurt, wo Willy Brandt vor 20 Jahren einem DDR-Ministerpräsidenten die Hand schüttelte, sagt er nun: "Ich bin tief bewegt in diesem Augenblick." Kanzler Kohl versichert Hunderttausenden: "Wir bauen mit Euch ein blühendes Land." Die Menschen jubeln ihm zu.

Dienstag, 13. März 1990:
Das einst machtvolle Revolutions-Parlament "Runder Tisch" tagt fünf Tage vor der Wahl zum letzten Mal.

Sonntag, 18. März 1990:
24 Parteien, Gruppierungen und Bündnisse stellen sich nach 57 Jahren Diktatur zur ersten freien Wahl auf dem Gebiet der DDR. Über 93 Prozent der Wahlberechtigten geben ihre Stimme ab.

Noch um 17.25 Uhr verkündet Ministerpräsident Modrow im Foyer des ZK-Gebäudes in Ostberlin selbstsicher: "Ohne die PDS geht es nicht." Eine Stunde später ist der Traum zerstoben, die Sensation perfekt: Die "Konservative Allianz" aus CDU, DSU und Demokratischem Aufbruch erringt 47,8 Prozent. Mit weitem Abstand folgen: SPD mit 21,8 Prozent; PDS mit 16,3 Prozent; Liberale mit 5,3 Prozent; Bündnis 90 (die Gruppierungen der Oppositionsbewegung vom Herbst 1989) mit 2,9 Prozent.

Der erste kommunistische Staat auf deutschem Boden hat bürgerlich gewählt. Lähmendes Entsetzen links. "Das war unsere Rache", sagt eine Rentnerin in Ostberlin: "Für die 400 Mark Rente, die sie mir nach 32 Jahren Arbeit geben. Für dieses Loch, in dem ich wohne." Und sie fügt hinzu: "Ich habe nie Angst vorm Sterben gehabt. Aber wie gern würde ich miterleben, wie es in den nächsten Jahren bergauf geht."

Prompt nennt der Kanzler in Bonn noch am gleichen Tag ein neues, wiederum näher liegendes Datum für die Wiedervereinigung: 1992.

Donnerstag, 5. April 1990:
Die Mitgliederzahl der PDS ist von ehemals 2,3 Millionen auf jetzt noch 350.000 geschrumpft.

Das erste frei gewählte Parlament der DDR tritt zusammen.

Donnerstag, 12. April 1990:
Die Volkskammer wählt den CDU-Vorsitzenden Lothar de Maizière zum Ministerpräsidenten. Er stellt die erste nicht-kommunistische DDR-Regierung vor: Eine große Koalition von CDU, DSU, SPD, Liberalen und dem Demokratischen Aufbruch. Inhalt des Koalitionsvertrages: Erst Einführung der D-Mark in der DDR, später Wiedervereinigung durch "Beitritt" der DDR zur Bundesrepublik gemäß Artikel 23 des Grundgesetzes. Und wieder wird der Termin vorgezogen. De Maizière: "Herbst 1991".

Selbst Bürokraten vollbringen nun Wunder. Bonn, das normalerweise Monate braucht, ehe es auch nur eine Ergänzungsverordnung zu einem Rentenanpassungsgesetz gebiert, erstellt innerhalb weniger Tage einen Staatsvertrag über eine Wirtschafts-, Währungs- und Sozial-Union zwischen der Bundesrepublik und der DDR.

April 1990:
Erich Honecker, der einst allmächtige Diktator, findet endlich Zuflucht im sowjetischen Militärhospiz Beelitz. Der 77jährige wurde in den letzten Monaten hin- und hergeschoben: Zuerst wurde gegen ihn wegen Hochverrat, Amtsmißbrauch und Korruption ermittelt, was zu seiner vorübergehenden Verhaftung führte. Dann nahm ein Pfarrer in Lobethal ihn und seine zweite Frau Margot auf, die er zur Volksbildungsministerin gemacht hatte. Ein geplanter Umzug ins Regierungsgästehaus im märkischen Lindow scheiterte an den Anwohnern. Sie steinigten Honeckers Wagen und skandierten: "Honny nach Bautzen." Heute sagt er: "Ich bin ein armer Mann."

Sonntag, 6. Mai 1990:
In der DDR finden Kommunalwahlen statt. Die CDU verliert, bleibt aber mit 34,4 Prozent stärkste Partei. Die PDS hält sich bei 14,6 Prozent, die SPD bei 21 Prozent.

Freitag, 18. Mai 1990:
Am Schreibtisch des ersten Bundeskanzlers Konrad Adenauer im Palais Schaumburg setzen die beiden deutschen Finanzminister Theo Waigel und Walter Romberg am Mittag ihre Unterschriften unter den ersten Staatsvertrag. Kanzler Kohl spricht um halb drei von der "Geburtsstunde des freien und einigen Deutschlands". Ministerpräsident de Maizière hat Tränen in den Augen. "Wir und ihr", sagt er, "hüben und drüben, Wessis und Ossis, diese Vokabeln sollten bald aus dem Sprachgebrauch verschwinden."

Sonntag, 17. Juni 1990:
Am Tag zum Gedenken an den Volksaufstand in der DDR stellt in der Volkskammer der DSU-Abgeordnete Jürgen Schwarz plötzlich den Antrag auf sofortigen Beitritt der DDR zur Bundesrepublik. Der Antrag wird abgelehnt, aber er markiert, was die Stunde geschlagen hat: eine inzwischen schwindelerregende Geschwindigkeit des Einheits-Zuges.

Sofort verlegt Kanzler Kohl da die Wiedervereinigung noch einmal nach vorn: "1990 wird das Jahr der deutschen Einheit werden", ruft er. Dann macht er sich daran, eines der letzten Hindernisse aus dem Weg zu räumen: Die Frage der Oder-Neiße-Grenze. Kohl: "Entweder wir bestätigen die bestehende Grenze, oder wir verspielen unsere Chance zur Einheit."

Donnerstag, 21. Juni 1990:
Bundestag und Volkskammer nehmen eine Resolution an, in der auf jegliche Gebietsansprüche gegenüber Polen verzichtet und die Oder-Neiße-Linie als westliche Staatsgrenze Polens anerkannt wird.

Sonntag, 1. Juli 1990:
Der Staatsvertrag, der eine Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion vereinbart, tritt in Kraft. Damit wird die deutsche Einheit eingeleitet. Die D-Mark ist künftig auch in der DDR einziges Zahlungsmittel. DDR-Bewohner können ihre alten Konten nach altersbedingt gestaffelten Höchstbeträgen zu einem Kurs von 1:1 umschreiben lassen. Ansonsten gilt ein Umtauschkurs 1:2.

Die DDR-Bürger feiern nach Mitternacht mit Hupkonzerten und Autokorsos, D-Mark-Partys und Feuerwerk. Am Tag der "Umrubelung", wie DDR-Bürger den DM-Tag nennen, stecken sie sich die alte Ost-Mark an den Hut und werfen das Kleingeld in die Luft. Die Münzen nennen sie nur "Alu-Chips". Zum DM-Tag sind 25 Milliarden Mark aus den Tresoren der Deutschen Bundesbank in die DDR transportiert worden - 600 Tonnen Banknoten und 400 Tonnen Münzen.

Um null Uhr eröffnet die Deutsche Bank als erste westdeutsche Bank eine Zweigstelle im Osten - alle anderen Banken und Sparkassen öffnen erst am Morgen um 9 Uhr. Um Mitternacht drängen sich am Alexanderplatz in Ostberlin 10.000 DDR-Bürger in Viererreihen vor der Bank. Hans-Joachim Corsalli, 41, Kohlefahrer aus Ostberlin, erhält nach sieben Stunden Wartezeit als erster DM-Tauscher (3.000 Mark) einen Präsentkorb mit Champagner und Rotwein und ein Sparbuch über 100 Mark. Jugendliche singen: "Halleluja, die D-Mark ist da." Als die Menge stürmt, splittern Glasscheiben, Frauen und Kinder schreien. 13 Ohnmächtige werden ins Krankenhaus gebracht. An diesem ersten Sonntag der D-Mark werden an den 15.000 Bankfilialen der DDR 3,4 Milliarden D-Mark ausgezahlt.

Juli 1990:
Zwischen Freitag, dem 29. Juni 1990 und Montag, dem 2. Juli 1990, wandert die DDR aus der Welt sozialistischen Mangels in die Welt kapitalistischen Überflusses. Am Montag Morgen sind die seit einem halben Jahrhundert leeren Regale voll, Wirtschaftswunder II kann beginnen. Draußen im Lande aber funktioniert die Versorgung nicht sofort - unter anderem darum, weil über Nacht Produkte aus der DDR kaum noch gefragt sind. Manches wird billiger, manches wird teurer. Das vorher subventionierte Brot kostet auf einmal drei Mark statt einer; Schokolade 99 Pfennige statt 2,90 Mark.

In der ersten Woche heben DDR-Bürger durchschnittlich 800 Mark von ihren Konten ab. Noch prüfen sie die neuen Angebote, halten sich beim Kauf zurück. In der zweiten Woche sind Auszahlungen zwischen 5.000 und 15.000 Mark die Regel: für Autos, Kühlschränke, Waschmaschinen - und Ferienreisen ins westliche Ausland.

Das Leipziger Bezirkskriminalamt weist auf den Klang von Härte beim neuen Papiergeld hin: "Bei der Bewegung zwischen den Fingern knistert es unverwechselbar metallisch." Zum ersten Mal haben DDR-Bürger Angst vor Falschgeld. Die DDR-Mark ist nie nachgemacht worden.

Sonntag, 15. Juli 1990:
Bundeskanzler Helmut Kohl besucht im Kaukasus Staatspräsident Michail Gorbatschow, um über den Kern des letzten großen Hindernisses auf dem Weg zur Einheit zu verhandeln: den Sicherheitsbedürfnissen der Sowjetunion. Sollen die Russen aus der DDR abziehen und die NATO einrücken lassen?

In dem verlassenen Tal Selemtschuk, irgendwo zwischen Schwarzem und Kaspischem Meer, sitzen sich die beiden in einem Landhaus aus hellrotem Kunststein gegenüber. Noch einmal steht plötzlich alles wieder auf dem Spiel. Graf Nayhauß war mit Kohl im Kaukasus und berichtet über die entscheidenden Minuten:

Gorbatschow: "Wir sind bereit, unsere Truppen in fünf bis sieben Jahren aus der heutigen DDR vollständig abzuziehen."

Der Kanzler (sein Gesicht ist plötzlich rot): "Völlig unakzeptabel!"

Gorbatschow: "Ich kann nicht akzeptieren, daß auf DDR-Territorium nukleare Waffen und ausländische NATO-Truppen stationiert werden!"

Totenstille im Raum. Dann sagt Kohl: "Also, Ihre Soldaten rücken in drei bis maximal vier Jahren ab, und ich verspreche Ihnen, keine Atomwaffen, keine ausländischen Truppen auf DDR-Gebiet, aber Bundeswehreinheiten."

Kurz darauf spricht Gorbatschow den erlösenden Satz: "Einverstanden, ich vertraue Ihnen, Herr Bundeskanzler."

Präsident Michail Gorbatschow gibt den beiden deutschen Staaten damit freie Hand in Bezug auf die erstrebte Einheit Deutschlands. Er erklärt sich auch damit einverstanden, daß das vereinte Deutschland "frei und selbst entscheiden" könne, welchen Bündnissen es angehören wolle. Es werde vom Augenblick der Vereinigung an vollständig souverän sein; ein Friedensvertrag sei dafür nicht nötig. Damit gibt Gorbatschow eine seiner früheren Hauptforderungen auf.

Juli 1990:
Noch ehe die staatliche Einheit verwirklicht ist, vereinen sich die Deutschen aus Ost und West des Vaterlandes fahnenschwenkend bei der Fußballweltmeisterschaft in Italien. Deutschland wird Fußball-Weltmeister.

Dienstag, 17. Juli 1990:
Bei den Zwei-plus-vier-Gesprächen zwischen den USA, der Sowjetunion, Großbritannien, Frankreich und den beiden deutschen Staaten wird über die äußeren Aspekte der deutschen Einheit beschlossen: Ein abschließender Friedensvertrag ist nicht nötig.

Sonntag, 22. Juli 1990:
Nach einem Beschluß der Volkskammer werden mit der Wahl der Landtage am 14. Oktober die 14 Bezirke wieder in die fünf ehemaligen Länder der DDR zurückgeführt.

Donnerstag, 23. August 1990:
Nach den erfolgreichen Verhandlungen im Kaukasus wird der Termin für die Wiedervereinigung unverzüglich noch einmal vorgezogen, zum letzten Mal. Die Abgeordneten der Volkskammer beschließen in einer Nachtsitzung: Beitritt der DDR zur Bundesrepublik schon am 3. Oktober 1990. PDS-Chef Gysi stellt fest: "Das Parlament hat soeben nicht mehr und nicht weniger als den Untergang der Deutschen Demokratischen Republik beschlossen." Die Abgeordneten jubeln: "Jaaaaaa..."

Freitag, 31. August 1990:
Im Ostberliner Palais "Unter den Linden" wird mit der Unterzeichnung des zweiten Staatsvertrages die Einheit Deutschlands besiegelt. Unterschrieben wird er von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble und DDR-Staatssekretär Günther Krause. Zuvor wurde er von beiden Regierungen förmlich anerkannt - nach Kompromissen über den Paragraphen 218 und den künftigen Verbleib von sechs Millionen Stasiakten auf dem Gebiet der ehemaligen DDR.

Das Berliner Abgeordnetenhaus beschließt eine Änderung der Berliner Landesverfassung und des Wahlgesetzes. Für den 2. Dezember wird ein einheitliches Wahlgebiet im Ost- und Westteil der Stadt mit einer Fünf-Prozent-Sperrklausel festgelegt.

Dienstag, 4. September 1990:
Abschließende Beratungen über die außenpolitischen Aspekte der deutschen Einigung im Berliner Schloß Niederschönhausen.

Donnerstag, 6. September 1990:
Die Volkskammer stimmt über den Einigungsvertrag ab.

Dienstag, 11. September 1990:
Der ehemalige US-Präsident Ronald Reagan beginnt einen Besuch in Berlin. Vor drei Jahren hatte er am Brandenburger Tor gefordert: "Mr. Gorbatschow, reißen Sie diese Mauer nieder!"

Mittwoch, 12. September 1990:
Die Zwei-plus-vier-Gespräche werden in Moskau abgeschlossen. Die Außenminister unterzeichnen im Hotel "Oktjabrskaja" den "Vertrag über die abschließende Regelung in Bezug auf Deutschland". Das wiedervereinigte Deutschland erhält ohne Friedensvertrag die uneingeschränkte Souveränität. Alle Rechte der Alliierten und ihre Verantwortung für Deutschland werden aufgehoben. Die bestehenden deutschen Grenzen werden anerkannt.

Donnerstag, 13. September 1990:
Die Bundesrepublik und die Sowjetunion schließen einen Grundlagenvertrag für 20 Jahre "über gute Nachbarschaft, Partnerschaft und Zusammenarbeit" einschließlich einer Nichtangriffsverpflichtung.

Donnerstag, 20. September 1990:
Der Bundestag verabschiedet den Einigungsvertrag.

Dienstag, 2. Oktober 1990:
Die KSZE-Außenministerkonferenz berät in New York über die deutsche Vereinigung.

Mittwoch, 3. Oktober 1990:
Die DDR tritt dem Geltungsbereich des Grundgesetzes bei. Der 3. Oktober wird als "Tag der deutschen Einheit" zum gesetzlichen Feiertag.

Um Mitternacht läutet die Berliner Freiheitsglocke ein neues Zeitalter der deutschen Geschichte ein. Auf dem Platz der Republik vor dem Reichstag wird das schwarz-rot-goldene Banner als Symbol der Vereinigung gehißt. Die Bonner Prominenz feiert in der alten und neuen deutschen Hauptstadt Berlin, 327 Tage nach dem Fall der Mauer. Das Deutschlandlied ist ab heute wieder gemeinsame Nationalhymne. Übereinstimmend wie selten die Gefühle von Regierenden und Regierten. Unter den großen Feuerwerksfontänen werden viele kleine Freudenfeuer entfacht. Mehr als zwei Millionen Menschen haben sich zwischen Reichstag und Alexanderplatz zusammengefunden. 4.500 Journalisten und 2.000 Künstler aus aller Welt begleiten die Nacht der deutschen Einheit. Auch der folgende Tag zeigt eine unübersehbare Menschenmenge von jung und alt, die in fröhlicher Ausgelassenheit unter strahlend blauem Himmel weiterfeiern.

Sonntag, 14. Oktober 1990:
Auf dem Gebiet der ehemaligen DDR finden Landtagswahlen statt.

Sonntag, 2. Dezember 1990:
Erste gesamtdeutsche Wahl seit Kriegsende.